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Schreibwettbewerb Thema: Gestört


Das war es also. Unsere letzte gemeinsame Nacht. Ein Kratzen und Beißen, Schreien und Schluchzen. Wir rissen die Tapete unserer Beziehung hinunter und malten die Wände schwarz.
Der Bus gleitet in die Bucht, die Sonne lächelt mich hämisch an. Egoistin.
Eine alte Frau mit Rollator positioniert sich demonstrativ neben mir.
Ich atme tief ein. Ich bin ein Gänseblümchen.
„Kann ich Ihnen helfen?“, frage ich sie freundlich.
„Gerne, Kindchen.“ Ich verkneife es mir sie darüber aufzuklären, dass ich 21 Jahre alt bin und gerade meine 4. Beziehung in den Sand gesetzt hatte. Ich habe Erfahrung und bin kein kleines Kind mehr.
Der Rollator ist unmöglich schwer, da sie vorsorglich ihren ganzen Haushalt in dem kleinen Körbchen dabeihatte. Kennt man ja nicht anders.
Ihr wird ein Sitz freigemacht und ich stelle mich an die unbequeme Stelle direkt bei der Tür. Ich steige aus und ein um Platz für Frau Wichtig mit ihrem Kinderwagen zu machen.
Er geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Wie hatte er sich verändert.
Seine Worte hallen in mir wieder.
„Du engst mich ein.“
Aussteigen.
„Für  dich ist hier kein Platz mehr.“
„Guck dich doch mal an!“
Ampel.
„Du nervst!“
Ich drücke den Knopf.
„Du verstehst mich einfach nicht!“
Mein Kopf fühlt sich an wie eine Melone, auf der ein sadistischer Elefant seinen Fuß gelegt hat und mich immer mehr damit quält nicht zuzutreten.
Die ältere Frau aus dem Bus stellt sich neben mir und drückt ein zweites Mal.
„ICH LIEBE DICH NICHT MEHR!!“
„Denken Sie es wird jetzt schneller grün, weil sie noch mal drücken? Denken Sie, ich bin zu inkompetent um einen Ampelknopf zu bedienen?! So einfach ist das nicht, Sie ignorante alte Ziege! Hier!“
Ich hämmere auf den Knopf ein.
„Wird es jetzt grün?! WIRD ES JETZT GRÜN?“
Die Frau weicht erschrocken zurück. Sie hat Angst. Ich auch. Große Angst! Ich kenne diesen Blick in ihren Augen. Er gehörte vor 30 Minuten noch zu mir.
„Es wird nicht grüner! NIE WIEDER!“
Mit voller Kraft trete ich gegen das Gehäuse des Knopfes. Und noch mal. Und noch mal.
„NIE FUCKING WIEDER!!“
Das Plastik fällt auf den Boden. Ich hebe es auf und schlage damit weiter auf den Knopf ein.
„N-I-E-M-A-L-S!“
„He, Sie da!” Ich drehe mich um und hinter mir lösen sich blaue Schatten aus der Menschenmenge.
Tränen. Ich wollte doch nicht weinen.
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