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Am Ende war es Petra.


Moritz ist blind. Schon seit seiner Geburt. Er hat die Sonne nie gesehen und erkennt den Frühling unter anderem am Geschmack auf seiner Zunge. Statt einer normalen Schule besuchte er eine Schule für Blinde und Sehbehinderte und schloss diese mit einem Realschulabschluss ab. Seit einem Jahr leitet er Seminare für Eltern blinder Kinder. Seine Eltern waren oft überfordert. Manchmal wenn er abends noch mal auf die Toilette gehen wollte, hörte er seine Mutter schluchzen.Moritz ist trotz seiner Einschränkung ein ganz normaler Junge. Mittlerweile ein junger Mann. Er hatte schon zwei Freundinnen und hat am Wochenende Frauke kennen gelernt. Er findet sie sehr nett, sie jedoch tut sich noch etwas schwer. Das macht ihn traurig, aber er kann es auch irgendwie verstehen.

Frauke stammt aus einem autoritären Elternhaus. Ihr Vater ist streng und ihre Mutter hatte noch nie etwas zu sagen. „Ich muss Papa da schon Recht geben.“ Das war nur einer der vielen Sätze, mit denen sie sich selbst entmündigte.Fraukes letzter Freund steckte gerade in einer Ausbildung zum Industriemechaniker. Seitdem Frauke mit ihm zusammen war, war sie jedes Wochenende auf Partys. Alles war besser als zu Hause. Wenn sie mal zu Hause war, hatte sie Streit mit ihren Eltern. Sie würde ihre Ausbildung schleifen lassen und das war nur die Schuld ihres neuen Freundes. Er könne ja nichts. Sei zu weich und würde sie von den wichtigen Dingen abhalten. Nach vier Wochen gab Frauke ihren Eltern Recht und machte Schluss. Nun traf sie diesen Moritz und seitdem war alles so schrecklich kompliziert. Sie mochte ihn unglaublich gerne, aber wie würde ihr Vater reagieren? Der Gedanke machte ihr Angst.

Dieter war das Lachen schon früh verloren gegangen. Er war Jahrgang 65 und hatte vier Geschwister. Seine Mutter war allein erziehend und arbeitete als Altenpflegerin. Abends war sie vollkommen erschöpft. Dieter durfte machen was er wollte, sich dabei nur nicht erwischen lassen. Wurde er erwischt, bekam mit dem was gerade zur Hand war von seiner Mutter den Hintern versohlt.Er wollte immer anders sein, als seine Mutter. Das hatte er sich vorgenommen. Mit Petra hatte er Frauke bekommen. Er nannte sie sein „Fleisch und Blut“. Immer wollte er nur das Beste für seine Tochter, aber sie wollte es ja einfach nicht annehmen. Niemals würde er seine Hand gegen sie erheben. Aber irgendwie musste man ja aufpassen. Sie sollte den besten Start ins Leben haben und bloß nicht dieselben Fehler machen wie er. Und dieser Typ, den sie da mit nach Hause brachte, war eine Zumutung. Er konnte nicht richtig auf seine Frauke aufpassen. Liebe hin oder her. Man muss auch mal auf dem Teppich und objektiv bleiben. Er wünschte sich jemanden, der ihr zeigt wo es lang geht und der sie beschützt.

Vier Wochen später saßen Frauke, Moritz und ihre Eltern an einem reichlich gedecktem Tisch. Frauke hielt unter dem Tisch Moritz’ Hand. Sie wollte ihre Eltern ja vorher über Moritz’ Blindheit aufklären, aber irgendwie fehlte die Zeit.Nun funkelte Dieter Moritz neugierig und irgendwie feindselig an. Dieser Junge sollte auf seine Tochter aufpassen können? Er kann sich selbst ja nicht mal verteidigen. Braucht selber einen Beschützer.Frauke und Moritz strahlen. Sie sind glücklich sich endlich getraut zu haben.Petra räumt das Essen ab und verstaut die dreckigen Teller in der Geschirrspülmaschine. Sie fand diesen Moritz sehr nett und so vernünftig. So jemanden, hat sie sich immer für ihre Frauke gewünscht.

„Nun. Und ihr glaubt also das funktioniert zwischen euch?“, fragt Dieter und fährt ohne eine Antwort abzuwarten fort. „Ohne dir auf den Schlips treten zu wollen, frage ich mich schon wie du auf meine Tochter Acht geben willst. Sie braucht jemanden, der ihr zeigt wo es lang geht. Und das wird man ja noch sagen dürfen, ich glaube, du brauchst selber noch jemanden, der auf dich aufpasst. So wie ich das sehe, ist meine Tochter nichts für dich.“
Frauke steigen die Tränen ins Gesicht. Sie beginnt zu zittern.
„Papa, du bist so ein Arschloch!“, sagte sie und die Worte ersticken ihr im Hals. Sie springt auf und rennt in ihr Zimmer.
„Mein liebes Fräulein! Ich glaube es hackt! So redest du nicht mit mir!“, brüllt Dieter, erhebt sich und läuft ihr trampelnd nach. Plötzlich gerät er ins Wanken und fällt. Moritz hat seinen Blindenstock dem wütenden Vater zwischen die Beine gehalten.
Dieter steht auf und rast vor Wut.
„Nimm deine Sachen und dann verlass mein Haus! Sofort!“
„Ihre Tochter hat Recht“, sagt Moritz, wirft sich seinen Mantel über und geht raus in den Regen.
„Was ist hier eigentlich los?“ Petra kommt aufgebracht aus der Küche. Über ihrer Schulter hängt noch ein Küchenhandtuch. Sie sieht Dieter vor dem Zimmer ihrer Tochter stehen und schimpfen.
„Deine Tochter spinnt! Hat mich einfach Arschloch genannt! Lass die mir mal rauskommen!“
„Lass mich mal mit ihr reden und du gehst besser.“
Dieter verlässt das Haus und steigt ins Auto.
„Süße, lässt du mich rein? Dein Vater ist weg.“

Frauke schließt die Tür auf und lässt sich auf ihr Bett fallen. Ihr Gesicht ist ganz verschmiert von zu viel Rotz und Schminke.

„Hier. Nimm das Handtuch. Du siehst ja furchtbar aus.“, sagt Petra und setzt sich neben ihre Tochter.

Frauke erzählt was passiert ist und Petra hört ihr zu. Sie fühlt sich schwer.
Petra musste schon früh erwachsen werden. Ihre Mutter kam aus ärmlichen Verhältnissen, ihr Vater starb als sie 14 Jahre alt war. Er war Alkoholiker und erfrier nachts in einem U- Bahnhof. Ihre Mutter hatte danach viele wechselnde Partner. Als Petra 17 Jahre alt war, beschloss ihre Mutter auszuwandern. Petra hatte gerade ihre erste Liebe gefunden und wurde somit komplett aus ihrem Leben gerissen. Nach zwei Jahren in Costa Rica hatte sie soviel Geld zusammen gespart, dass sie sich ein Flugticket nach Deutschland leisten konnte. Ihr damals bester Freund Dieter wohnte noch immer in derselben Wohnung und nahm sie auf.
„Frauke. Das kommt wieder in Ordnung. Ich rede mit deinem Vater und du rufst Moritz an. Der ist sicherlich auch ganz aufgewühlt. Es wird alles gut, mein Mäuschen.“ Sie küsst ihre Tochter auf die Stirn und wartet im Wohnzimmer auf Dieter.

Als Dieter wiederkommt hat sich Petra wieder gefangen.

„Und? Hat sie sich wieder eingekriegt?“, fragt er.
„Setz dich mal bitte.“ Dieter schaut verdutzt und setzt sich.
„Ich finde du warst nicht fair Moritz und Frauke gegenüber…“ „Aber…“ „Nein. Hör mir doch bitte mal zu. Sie hat endlich jemanden gefunden, der mit ihr das Wichtigste teilt. Ihr Herz. Lass ihr doch einfach mal diesen Freiraum. Sie ist alt genug selber entscheiden zu können, was gut für sie ist.“
„Aber dieser Kerl kann sie doch gar nicht verteidigen…“
„Kann er nicht? Denk mal drüber nach. Er hat sie sehr wohl beschützt heute Abend. Oder warum lagst du plötzlich auf dem Boden?“
Dieter war sprachlos. Womöglich hatte sie Recht.
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