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Kevin.


Kevin lernte ich online auf einer Datingseite kennen. Er war eine von drei komischen Gestalten, die ich im Laufe dieses Selbstversuches kennenlernte.
Wir schrieben uns eine Woche lang Nachrichten, bis wir uns das erste Mal trafen. Ein wenig merkwürdig fand ich ihn ja schon. Aber ich wollte ihn ja auch nicht sofort abstempeln. Er hatte ja schließlich schon einen so schrecklichen Namen. Auf seinem Foto trug er einen Trilby Hut und verzog sein Gesicht. Der musste Humor haben! Die Haare, die unter seinem Hut hervorlugten waren rötlich. Ich finde rote Haare großartig!
Wir haben nicht lange Zeit, was auch gut so ist, denn wenn ich ihn nicht mag, möchte ich nicht länger als nötig mit ihm meine Zeit verbringen. Genau genommen haben wir vier Stunden bis ich in der Schule sein muss. Ich bin zehn Minuten zu früh da und stelle mich so hin, dass ich ihn sehen kann, aber er mich nicht sofort. Das erscheint mir sehr schlau, falls er doch ein optischer SuperGAU sein sollte oder Popel isst. Leider ging mein Plan nicht so ganz auf, denn er wartete schon auf mich und winkte mir übertrieben zu. Ich ging auf ihn zu und sah ihn mir genauer an.
Er trug einen alten Ledermantel, der ihm mindestens drei Nummern zu groß war. Seine Haare sind schulterlang, blond und strohig und vor allem spärlich ausgeprägt. Wie alt war er? 19 oder 79? Aber ich will ihn ja auch nicht abstempeln, schließlich hat er schütteres Haar.
Er kommt auf mich zu. Ich atme tief ein. Selbstexplosion, denke ich. Das wär was.
„Hallo, du bist Larissa oder?“ Er umarmt mich und sein ganzes Erscheinungsbild ähnelt einer Vogelscheuche.
Wir stiegen in die S-Bahn, die uns nach Harburg fuhr, denn wir hatten uns zum Shopping verabredet. Auch nicht gerade normal, aber das ist jetzt auch alles egal.
In der Bahn saßen wir uns gegenüber. Er packte seine Lederhandschuhe ein und begann von seinem Bruder zu erzählen, dessen Kaninchen gestern gestorben sei. Ich musste ihn die ganze Zeit anstarren und dann wusste ich wieder an wen er mich erinnerte. An Frank Zander. Er war fucking Frank Zander.
Jetzt erzählte er mir und der ganzen Bahn, denn er hatte eine sehr laute und sich überschlagene Stimme, von seiner Mutter, die Bluterin sei und ständig vergaß beim Spielen mit der Katze den Motorradhandschuh anzuziehen. Die Leute guckten ihn an. Sie schauen mich an. Und dann war da dieses Mitleid in ihren Blicken. Danke, dachte ich und wollte mich in das Mitleid kuscheln, bis alles wieder gut ist.
Von der S-Bahn aus konnte man das kleine Stück Strand sehen, an dem Stephan und ich letztes Jahr gegrillt hatten. Wir kuschelten und ich wäre fast eingeschlafen, als die Flut kam und unseren Grill mitnahm. Schön.
„.. und naja, dann hab ich gesagt, nein, Papa. Ich mach das alleine, denn ich brauche euch nicht. Und nun, bin ich wieder zu Hause.“
Ich begann Mitleid mit ihm zu bekommen. Ich werde ihn  nie wiedersehen. Zum Glück. Aber ich will ihn ja auch nicht abstempeln, er hatte schließlich eine schreckliche Kindheit.
Das Shopping, das viel mehr ein trashiges Hopping durch viele Peinlichkeiten war, ging schnell von der Bühne. Noch eine Stunde.
„Holen wir uns noch einen Kaffee?“, frage ich.
Wir sind wieder zurück am Hauptbahnhof und ich brauche einen Kaffee. Ohne gehe ich keinen Schritt weiter. Ich könnte auch ganz viele andere Sachen gebrauchen, aber ich besitze leider keinen Waffenschein. Was mich zu der Frage bringt, ob man für einen Flammenwerfer einen Waffenschein braucht.
Wir steuern mein Stammcafé an und bestellen. Wir wären besser überall anders hingegangen, denn noch heute darf ich mir die Geschichte anhören wie ich eines Tages mit Frank Zander Kaffee trinken ging.  Er bestellt sich zusätzlich ein Croissant und wir setzen uns noch für einen Moment an einen Tisch.
„Ich hab dir doch vorhin die Geschichte erzählt mit der verstopften Toilette! Wo ich alles plötzlich im Gesicht hatte?“
„Ja, hast du. Warum?“ Ich stach meinen Strohhalm in meinen Eiskaffee.
Er beugt sich verschwörerisch vor.
„Das war hier!“ Bah.
„Achso. Na nett.“
Er greift in seine Manteltasche, holt eine Flasche Sagrotan raus uns schmiert es sich in die Hände.
„Was machst du da?“, frage ich interessiert.
„Meine Mama hat mich gebeten vor jedem Essen meine Hände damit sauberzumachen. Keime und so. Es gibt nämlich so eine Reihe von Bakterien, die..“
„Ja, ist schon in Ordnung.“ Keime! Ich sehe hier nur einen Keim und der hat schütteres Haar!
Er isst sein Croissant mit keimfreien Händen und wir unterhalten uns über Themen, die nichts mit Krankheit, Tod und missglückter Erziehung zu tun haben.
Anschließend gehen wir durch die Wandelhalle zum südlichen Teil des Bahnhofs. Hier treffe ich mich mit Lena in 15 Minuten.
Kurz vor unserem Treffpunkt sage ich: „Oh. Da ist sie auch schon. Ich muss dir hier schon mal ´tschüß´ sagen, denn eigentlich wollte ich heute mit ihr shoppen gehen und ich weiß nicht, wie sie es aufnimmt, wenn sie sieht, dass ich heute mit dir unterwegs war.“
In Wirklichkeit ist dort keine Lena. Aber ich will auch einfach nicht, dass sie sich begegnen.
„Klar, ist schon ok. Es war schön mit dir.“ Wir umarmen uns freundschaftlich und plötzlich habe ich einen Mund auf meinem. Ich bin erschrocken und ziehe mich langsam los.
Er grinst und geht zum Bus. Ich bin geschockt, angeekelt und wische mir meinen Mund mit der Handfläche ab. Hoffentlich hat er sich vorher den Mund desinfiziert.
Ich schrieb ihm noch am selben Abend eine SMS mit dem Inhalt „Es tut mir Leid, aber ich denke ich bin noch nicht wieder bereit für eine Beziehung.“ ‚Es liegt an dir, nicht an mir’ denke ich. In der Nacht träumte ich davon von einem Keim befallen zu sein, der meine Haare ausfallen lässt.

 

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