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Bordsteinkantengeschichte.


„He Meister. Aufstehen. Sie können hier nicht bleiben!“
Die rauhen Worte reißen den Käpt’n aus dem Schlaf.
Er öffnet seine Augen und dreht sich kraftlos auf seinem Karton um.  Die Wachtmeister nicken und gehen weiter ihre Runde.
Der Käpt’n streckt sich und schaut in den Himmel. Bewölkt und alles andere als klar. Hoffentlich bleibt es trocken, denkt er, sein letzter Regenschirm beugte sich vorgestern einem Sturm.
Er steigt aus seinem Schlafsack, rollt ihn und eine Decke zusammen, verfrachtet sie auf seinen Handwagen. Sein Weg führt ihn die Straße hinunter zum nächsten U- Bahnhof.
Bei jedem Schritt ächzen seine Gelenke. Seine Schuhe verlieren ihre Sohle. Er steuert geradewegs auf den Kiosk von Vahri und dessen Familie zu.
Yasmin, Vahris Frau, ist heute da. Das ist gut. Bringt Sie ihm doch immer frisch gewaschene Kleidung mit.
„Guten Morgen, Käpt’n. Neue Wäsche liegt hinten.“
Sie schließt ihm die Tür auf. Er dankt und geht nach hinten durch ins Bad. Er zieht sich aus, geht auf die Toilette und beginnt sich zu waschen.
Er putzt sich die Zähne. Beim Ausspucken blutet es. Er schaut in den Spiegel und betrachtet den Mann, der sich dort spiegelt. Alt sieht er aus. Falten umspielen sein blasses, eingefallenes Gesicht. Ein allmählich ergrauender Bart umrahmt sein Gesicht. Er ist der Grund, warum Sie ihn nur noch Käpt’n nennen.  Dabei hatte er mit der Schifffahrt nie etwas am Hut. Doch an die Vergangenheit denkt er schon lange nicht mehr. Lohnt sich nicht. Er hat genug Schmerzen.
„Einunddreißig.“, raunt er leise und klopft sich auf die Wangen. Er fühlt sich eher wie einundfünfzig. Und er sieht so aus wie er sich fühlt.
Langsam legt er die dreckige Wäsche auf einen Haufen und geht wieder nach vorne.
Auf dem Tisch stehen ein Käse- Brötchen und ein Kaffee. Aus dem Käse- Brötchen ragt eine kleine Kerze. Er hebt die rechte Augenbraue und schaut zu Yasmin rüber.
„Brauchst nichts sagen. Iss Käpt’n.“
„Danke.“, sagt er unbeholfen und pustet die Kerze aus.
Er wünschte sich nichts.
In seiner Welt war kein Platz mehr für Wünsche.

Obdachlose sind für mich schon lange ein großes Thema. Sie sind nicht minderwertig, man hat sie nur an einer Stelle in ihrem Leben nicht abgeholt.
Stellt die Pfandflaschen neben die Mülleimer und ruft den Krankenwagen, wenn jemand so aussieht, als hätte er ihn nötig.

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