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Alter Mann.


Früher warst du derjenige, der sagte, ich solle mir nichts gefallen lassen. Nur frech komme weiter. Ich wäre zwar großspurig, aber so müsse das sein. Ich sei ja schließlich deine Tochter.
Du warst dagegen mich Taufen zu lassen, denn ich sollte doch später selbst entscheiden, ob ich das möchte.
Du hast mir erlaubt, zuzuschlagen, wenn mich jemand anpöbelt. Hast mich in den Arm genommen, als ich jemanden in der Schule gegen ein Regal schubste und es kaputt ging, weil dieser jemand mich ärgerte. Den Schaden hast du gerne bezahlt.
Du fragtest mich grinsend wie der Kater sich denn anfühlen würde, als ich mit dreizehn Jahren das erste Mal betrunken war. Böse warst du nicht, denn du hast mir vertraut.
Ich solle nicht alles glauben, was  meine Lehrer behaupten, sagtest du. Kritisch sein, sei wichtig.
Wenn ich keine Lust auf Schule hatte, schriebst du mir eben eine Entschuldigung. Ich musste schon selber wissen, was gut für mich ist. Die Konsequenzen musste ich nie alleine ausbaden.
Mit 14 Jahren kam ich mit meinem ersten Piercing aus Berlin wieder. Du fandest es toll, wärst aber gern gefragt worden.
Als ich vom Gymnasium geworfen wurde, standest du trotzdem hinter mir. Die Welt ginge doch nicht unter. Es wären eh alles Spießer dort.
Das erste Mal Physik in der Realschule. Der Lehrer liest die Namen vor, stolpert über meinen Nachnamen und fragt mich nach der Stunde, ob ich deine Tochter sei. Ich bejahte und er blickte wissend. Später erzähltest du mir, wie ihr ihn geärgert habt und Molotow- Cocktails in sein Badezimmer geschmissen habt.
Du hast mir erzählt wie du damals zu Hause abgehauen bist und für einige Wochen im Wald geschlafen hast, mit einem Frachtschiff nach Hamburg gefahren bist und irgendwann wieder zurück kamst.
Als ich 18 Jahre alt war, fragtest du mich, ob ich nicht endlich tätowiert werden wolle. Natürlich wollte ich. Dein Bekannter kam und packte sein Equipment am Küchentisch aus. Das erste Tattoo am Küchentisch.
Anerzogene Anarchie. Antiautoritäre Selbstjustiz.

Dann mein Umzug nach Hamburg. Du warst stolz auf mich. Und plötzlich änderte sich alles.
Ich wollte Abstand, du wolltest nicht loslassen. Ich wurde krank und verlor den Boden unter den Füßen und letzten Endes meine Ausbildung. Die Ausbildung, von der wolltest, dass ich sie mache.
Jetzt hast du Angst um mich. Sagst zu meiner Mutter, sie soll aufhören mit meinen Geschwistern zu schimpfen. Sie sollen nicht so werden wie ich, sagst du.

Wie bin ich denn?
Ich bin nur das was aus mir gemacht wurde. Und da warst du, als mein Vater, nicht unwesentlich dran beteiligt.

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