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Lüder- Provinzialer Kollaps.


Vor genau zehn Jahren entschlossen meine Eltern von Berlin nach Lüder zu ziehen. Dorthin wo mein Vater seine Wurzeln hat. Ich war zwölf Jahre alt und fand mich in einem 1000 Seelen Dorf wieder. Wobei ein Drittel der Bewohner Gefangene eines Altenheims waren. Lüder. Ort der Tristesse.

Nach sechs Jahren Berlin Neukölln und sechs Jahren Berlin Charlottenburg, fand ich nun inmitten eines Bauernhauses mit angrenzenden Stallgebäude wieder. In der einen Hand meinen Gameboy. In der anderen mein Handy, um meine beste Freundin über den Albtraum, in dem ich mich befand, zu unterrichten.
Es ist nicht so gewesen, dass ich die Lüneburger Heide nicht kannte. Mein Onkel und meine Großeltern lebten nicht weit entfernt und ich verbrachte fast jede meiner Ferien hier, aber das war nun was anderes. Ich saß hier fest. Und ich war am Arsch.

Ich habe noch immer dieses beklemmende Gefühl in der Brust, wenn ich meine Familie besuche. Wir fahren von Uelzen durch den halben Landkreis nach Lüder und egal durch welches Dorf wir fahren, es ist alles noch so wie früher. Manchmal verschwinden Geschäfte, es kommen immer mehr Kreuze am Straßenrand dazu. Aber sonst Stillstand.
Auf Dorffesten sieht man die Jugendlichen zu Musik einer vergangenen Generation feiern. Zehn Meter weiter steht der Vater, während der Schweiß, verursacht durch die heiße Luft im Schützenhaus und dem steigenden Alkoholpegel die muffige Schützen- Uniform runterrinnt. Um 23:00 Uhr begleitet ihn seine Frau nach Hause, denn alleine würde er erst Stunden später ankommen. Unterwegs bleibt er nochmal am Nachbarszaun stehen und pinkelt ihn unter wildem Schwanken und in Anwesenheit seiner angesäuerten Frau an. Sie ist drei Jahre jünger als er und hat es längst satt. Damals wollte sie Fremdsprachensekretärin werden oder in Hamburg studieren. Jetzt ist sie immer noch hier. Hört sich den Tratsch der Nachbarn an und verödet. Doch sie lächelt, denn das wird hier so erwartet. Dann einmal im Jahr bei der Ernte helfen, Osterfeuer, Schützenfest, Krähenbergfest, Sommerfest, Geburtstage, Taufen, Konfirmationen, Beerdigungen, einmal die Woche Fahrrad fahren mit den Mädels, alle zwei Wochen Kegeln. Immer im selben Rhythmus. Seit Jahren. Schon immer.
Die Kinder gehen zur Feuerwehr, zum Fußball, zum Reiten, zum Spielmannszug und später treten sie in die Schützengilde ein. Kultureller Tod.
Um damit klar zu kommen wird getrunken. Zu jeder Zeit, zu jedem Anlass. Selbstverständlich wird auf allen Hochzeiten gleichzeitig getanzt.

Was man sagt ist wahr. Entweder man macht sich gleich nach dem Schulabschluss auf den Weg in die Welt. Getrieben von Neugier und Fernweh. Oder man bleibt und wird so wie keiner werden will. Ein Abbild seiner Eltern. Desillusioniert, aber niemals dehydriert.

Soundtrack zum provinzialen Kollaps:

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