Ein Kommentar

Das andere Heute.


Eigentlich halte ich nichts von Tagebucheinträgen. Aber heute war so ganz anders als die vorangegangenen Heutes. Im Volksmund auch gestern, vorgestern, letztes Jahr, damals, etc. genannt.

Heute morgen bekam ich einen Anruf. Ein netter Herr, dem meine Bewerbung  sehr gut gefallen hat (ein Zweizeiler, da seine Stellenausschreibung auch nur aus drei Zeilen plus Kontaktdaten bestand). Am Montag darf ich mich bei ihm vorstellen, um einen Job als Flyerverteilerin zu bekommen. Mich nachts von Besoffenen anrülpsen lassen. Genau mein Ding. Gut, ich brauche Geld und würde fast alles tun (nichts mit kranken Menschen und Putzzeug).
Stunden später schaue ich auf meine Facebook- Seite. Oh nein, oh nein. Ein Bekannter hat schon sein Ticket zum Casper- Konzert. Ich hatte doch versprochen mitzukommen.
Da gestern meine Kopfhörer den Geist aufgaben (Todeszeitpunkt: 19:30 Uhr oder so.) (Wie oft diese Dinger bei mir auch kaputt gehen. Ich verbrauche bestimmt 4 Stück im Jahr. Das ist doch nicht normal), beschloss ich, mich auf den Weg zu Saturn zu machen.
Doch vorher: Eine E- Mail. Ich habe eine Brille gewonnen! Oder besser gesagt: Ich darf mir in einem nicht näher zu bezeichnenden Online- Brillenshop (www.lensway.de) eine Brille aussuchen. Mit Stärke und allem! Habe mich für eine neue mit dickem Rahmen entschieden. Aber diesmal in schwarz und habe 59,00 Euro gespart! Geil! Oder wie ein nicht näher zu bezeichnender Auslauf- Comedian sagen würde: „Das ist mein Tag!“
Schuhe an, Jacke an und auf zu Saturn!
Vorher schwöre ich mich ein (was allein noch beknackter aussieht als bei Bands, bevor sie die Bühne betreten). „Ich kaufe nur Kopfhörer und das Ticket! Gooooo Larry!“ Das ganze wiederhole ich sicherheitshalber nochmal. Und nochmal.
Auf gehts.

Ich steige in die Bahn und mir fällt auf, dass ich schon lange nicht mehr ohne musikalische Begleitung Bahn gefahren bin.
Zehn Minuter später weiß ich warum.
Neben mir sitzen zwei, ich schätze man nennt sie so, Ghetto- Bitches, die sich in tiefstem Slang miteinander unterhalten.

„Ey nee und dann er so: Lass mal Chill- Ecke gehen und ich so: Nein, man, ich will aber nicht!“

Miuten später:

„Ey. Der Justin Timberland, äh, Timberlake, der hat Myspace gekauft!“
„Nee, echt? Aber da ist ja eh keiner mehr. Sind doch alle bei Facebook.“
„Hab gelesen, dass Facebook 500 Millionen Mitglieder hat. Das ist mehr als Deutschland.“
„Ja, das sind 8 oder 9 Deutschlands.“
„Ja.“

Ein Mann setzt sich mir gegenüber. Ich mustere ihn kurz und unauffällig. Er hat Knast- Tattoos auf Hand und Arm.
Dann das. Er zieht seinen Fuß aus seinem Latschen und stellt seinen besockten Fuß auf meine Sitzbank. Ich rieche. Ich rieche nichts. Aber trotzdem. Ich hasse Füße! Ich muss hier raus. Ghetto- Bitches und Fuß- Man (der mittlerweile Rätsel in der Bild der Frau löst) lassen mich an die Grenzen meiner psychischen Belastbarkeit gehen. Das geht doch nicht!
Neben die Ghetto- Bitches setzen sich nun ein Mann und eine Frau. Keine Ahnung, ob die ein Paar oder Arbeitskollegen sind. Ist mir auch egal, ich will hier nur weg.

Sie: „Das Mittag war echt gut heute oder?“
Er: „Ja. Schon.“
Sie holt eine Tupperdose (keine Ahnung ob es Original- Tupperware war oder nicht. Ist mir auch egal, ich will hier nur weg) raus, nimmt sich aus dieser ein Stück Apfel  und gibt diese an den Mann weiter. Er nimmt sich auch einen und will die Dose an sie zurückgeben.
Er: „Du willst doch sicher auch noch einen.“
Sie: „Puh. Nein. Ich bin  schon ganz satt.“
In dem Moment öffnet sie die vordere Tasche ihres Rucksackes, öffnet eine Tüte Sesam- Stangen und nimmt sich eine raus, die sie genüsslich verspeist.

Ich verzweifle innerlich, versuche mich auf mein Buch zu konzentrieren und fahre weiter.
Jungfernstieg. Ghetto- Bitches und Rapunzel mitsamt Mann oder Kollege steigen aus.  Fuß- Man ist schon länger weg. Wo der wohl ausgestiegen ist? Wohl aus der Gesellschaft. Kein Wunder. Mit diesen U- Bahn- Fahr- Angewohnheiten.

Es steigen ein: Zwei Banker.
Sie unterhalten sich und ich verstehe kein Wort. Sie schieben Zahlen hin und her. Irgendwer bekommt sowas wie Ablösesummen, wenn er zu einer anderen Bank wechselt. Der andere erzählt von tollen Provisionen. Der andere wieder von einer Stelle als Junior- Irgendwas. Sie scheinen freudig erregt. Das Wort „Glückstag“ fällt und ich frage mich, ob ich ihnen von meiner gewonnen Brille erzählen soll. Die hatte ich schon wieder ganz vergessen! Ach wie toll!

Dann Saturn:
Gehe geradewegs zu Sven, the Ticketmaster- Man. Kurzer Dialog aus „Wie gehts?“ „Gut.“  „Casper? So geschrieben wie der Geist?“ „Ja.“ und „Viel Spaß Larissa.“
Dann: Das Vinyl- Regal. Ich wollte doch nicht… aber gucken darf ich doch wohl.
Ohhhhh. „Hinter all diesen Fenstern“ von Tomte für 12.99,- . Die habe ich noch nicht und 12.99,- ist ein super Preis! Ohhhh da. Die Aktuelle von Spaceman Spiff! Muss ich haben. Gönne mir ja sonst nichts. Auf dem Weg zur Kasse lege ich die Platte nochmal weg, nehme verschiedene DVDs in die Hand und gehe am Ende wirklich ohne jegliche CD, DVD oder Platte raus. Ich bin gut.
Gehe nach unten und suche mir meine Kopfhörer. Sind zwei Euro teurer geworden! Schweine!
Stehe an der Kasse. Hinter mir das männliche Pendant zu den Ghetto- Bitches.

Der eine „Ey, digga. Warum zahlen die alle mit Karte. Ich versteh das nicht! Das dauert mir zu lange, man.“
Der andere extra laut: „Weil die alle zu faul sind die drei Schritte zum Automaten zu gehen.“
Weitere fünf Minuten regen sie sich auf. Ich muss sagen, sie machen keinen sympathischen Eindruck. Die meisten von denen sind ja so sympathisch vertrottelt. Die nicht. Die wirken sich nur negativ auf meine Nerven aus.
Die Schlange bewegt sich. Vor mir ein Pärchen. Als der männliche Teil des Duos seine Karte zum Bezahlen rausholt, schnaubt es hinter mir verächtlich.
Ich beginne zu grinsen.
Nun bin ich dran. Erst tue ich so, als würde ich nach Geld in meinem leeren Portemonnaie suchen, dann grinse ich und ziehe meine EC- Karte raus. Hinter mir wird schwer ausgeatmet.
Ich wünsche der Kassiererin und den Gangstern mit Zeitdruck hinter mir noch einen schönen Tag und gehe gleichzeitig in meinen zurück.
In den, in dem ich ein Vorstellungsgespräch für einen Scheiß- Job angeboten bekommen, eine Brille gewonnen und mein Casper- Ticket gekauft habe.

Nun: Nougat- Schokolade.

Leider ist nichts, wirklich gar nichts, in diesem Text erfunden. Unglaublich, aber sowas von wahr.

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Ein Kommentar zu “Das andere Heute.

  1. Schnegge, ich wollte dich mit dem Ticket Kauf jetzt aber nicht unter Druck setzen. Du musst doch nicht mit nur weil du es gesagt hast. 😉
    LG

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