Ein Kommentar

Der konservierte Augenblick.


Als mein Bruder drei Jahre alt war, war ich siebzehn. Seine Lieblingsbeschäftigung war es mit mir eine der vier großen Fotokisten meiner Eltern durchzuschauen. Er schaute sich jedes Bild genau an und ich musste ihm sagen wer da nun auf dem Bild warum zu sehen ist.
Als ich so alt wie mein Bruder hatten meine Eltern einen kleinen geflochtenen Korb, in dem vor allem meine Mutter Erinnerungen sammelte. Dort waren Karten, Briefe, Bilder und kleinere Gegenstände drin. Ich kramte täglich darin herum und fragte sie zu jedem Gegenstand, was es mit ihm auf sich hätte. Dann entdeckte ich in einer Schublade die unzähligen  Umschläge aus dem Fotogeschäft und war von nun an mit ihnen beschäftigt, so wie es mein Bruder auch war.
Eine der ersten Gegenstände, die mein Vater sich von seinem ersten Lohn aus seiner Lehre kaufte, war eine Kamera. Eine einfache Kamera, keine besondere. Aber trotzdem war sie jahrelang eine Art Familienschatz.
Zu jeder  Gelegenheit wurde fotografiert.  Und es wurde alles fotografiert. Ich erinnere mich an zwei Filme mit Bildern vom Berlinmarathon 1995. Allesamt aus dem Fenster unserer Wohnung in Kreuzberg gemacht. Auf jedem sieht man die trostlose Kottbusser Straße  auf der, ganz klein zu sehen, Menschen Marathon laufen.
Heute frage ich mich was zur Hölle das sollte.  Aber wahrscheinlich war dieser Tag für meine Eltern irre aufregend. Die sind schnell zu begeistern.

Mit der Zeit wurde das Festhalten von Augenblicken weniger. Ich veränderte mich äußerlich nicht mehr jeden Tag, sondern allenfalls jedes Jahr. Ausflüge in den Zoo waren auch immer das Gleiche. Am Wannsee nichts Neues. Dann die eigene Firma.  Zeit wurde knapp. Ausgiebiges Geknipse gab es nur noch an Feiertagen, Urlauben und wirklich besonderen Augenblicken (neuer Hund, neue Möbel, neuer Spleen von mir (bspw: Duplo Eisenbahnschienen durch mein gesamtes Kinderzimmer verlegen))

Als wir Berlin verließen, ein neues Leben in Lüder anfingen und meine Geschwister geboren wurden, wurde es wieder mehr.
Allerdings wurden Fotos von mir weniger.
Es gibt kaum Fotos von mir und Arschnase. Ganze Jahre und Momente wurden nicht festgehalten.
Und diese fehlen mir teilweise heute. Ich weiß noch wie die Karten aus dem geflochtenen Korb meiner Mutter aussahen. Erinnere mich an Fotos ihrer Porzellan- Entensammlung, die als ich fünf Jahre alt war, gemacht wurden, weil mein Vater die Enten nicht mehr sehen konnte und die sofortige Umsiedlung in den Keller verlangte.
Aber ich weiß kaum noch was geschah als ich jugendlich war.

So sehr ich dafür bin, manche Momente nur im Gedächtnis abzuspeichern und dagegen bin, jeden Moment zu konservieren, so sehr brauche ich auch festgehaltene Erinnerungen.
Ich will später mal sagen können: Das hier, das war meine erste Wohnung. Ist sie nicht scheußlich?
Und ich will von meinen Kindern später hören wie beknackt Papa doch mit der Brille aussah.
Ich will ihnen zeigen wie die Stadt damals noch aussah.

Darum werde ich anfangen mehr zu fotografieren.
Meine Freunde sollten sich drauf gefasst machen, konserviert zu werden!

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Ein Kommentar zu “Der konservierte Augenblick.

  1. Die Sache mit der Kamera kommt mir bekannt vor. Wir hatten eine EXA Spiegelreflex ohne jede Automatik. Fotografieren war vermutlich das Einzige was er mir je beigebracht hat. Es gab einen ganzen Kleiderschrank voller Dias.
    Später war ich war mal mit ihm in Indien, die jetzt definitiv letzte Unternehmung mit meinem Vater. Ich hatte diese Knipserei auch satt (er hatte inzwischen ne Vollautomatik) und wollte nur „mit dem Herzen fotografieren”. Heute hätte ich doch gerne ein paar Sachen aufgenommen, die sich so furchtbar schwer erklären lassen …
    Daher gehe ich jetzt allen mit der Kamera (notfalls mit dem Handy) auf die Nerven; erst maulen alle und dann ist man voll der Held – seltsames Volk…

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