Ein Kommentar

Dieses Vorstellungsgespräch im Café des harten Rocks


Es ist 10:50 Uhr und zehn Minuten zu früh zu erscheinen ist genauso unpünktlich, wie zehn Minuten zu spät zu erscheinen. Und irgendwie war es eine ganz gute Idee erstmal vor dem Rock Shop zu warten und sich die Menschen anzusehen, die um diese Uhrzeit schon zu Hauf in den Laden marschieren. Da sind zum einen Mutti und Vatti mit genervtem Teenager- Kind, aber auch Biker- Wolli, der wohl eine frische Brise 80er Hard Rock einatmen will, um sich mal wieder so richtig frei zu fühlen in seiner enganliegenden Lederhose. Hauptsache ist doch aber, dass Sonnenbrille und Bandana sitzen.
Ich habe keine Lust mehr zu warten, will es auch hinter mich bringen und gehe hinein.
Ich stelle mich etwas neben die Kasse und die Frau dahinter fragt mich, ob ich zum Vorstellungsgespräch komme. Ich bejahe und soll noch kurz warten.
Die Frau scheint Menschenkenntnis zu besitzen. Oder es kommen nicht jeden Tag dicke Mädchen mit Hemd und Jeansweste in ihren Laden  marschiert.
Ich versuche mich dorthin zu stellen, wo ich am wenigsten die Kunden störe. Aufgrund der fehlenden Größe des Ladens, ist das gar nicht so einfach. Und weil ich ja super interessiert bin, schaue ich mir die Shirts und den Brief von Paul Mc Cartney an der Wand an. Eine gute Note in Handschrift hatte der Mc Cartney aber auf keinen Fall. Hinter der Kasse ist ein Flatscreen, der Musikvideos aus vergangener Zeit zeigt. Ich sehe Slash seine Gitarre fachmännisch bearbeiten und ich weiß wieder, warum ich mit Hard und Glam Rock nichts anfangen kann. Dieses Gepose für nichts. Für inhaltleeres belangloses Zeug, das mir nicht im Gedächtnis bleiben will. Da sind keine Hooklines, die sich festsetzen. Da ist gar nichts.
Ich werde abgeholt, wir steigen über das rote Absperr- Plüsch- Band und gehen hoch. Ich zelebriere mich innerlich, da ich es geschafft habe, nicht am Band hängen zu bleiben und somit die Stufen hochzufallen.  Im oberen Geschoss stehen jede Menge barockige  Sofas und in einer Vitrine ein gülden schimmernder Anzug. Wie ich später erfahre heißt sein Besitzer Eric Clapton und der habe ihn einfach nicht abgeholt.
Wir setzen uns. Sie stellt sich als Julia vor. Sie sei Human Ressources Managerin und würde heute mal mit mir sprechen. Breitbeinig sitzt sie auf dem Sofa, den Rücken gekrümmt, die Arme lässig auf die Knie gelegt. Sie monologisiert, dass hier ja alles locker von sich geht. Es sei kein normaler kaufmännischer Job. Eine psychische Macke sei auf jeden Fall ein Muss, sonst würde man im Alltag untergehen. Ich grinse debil und denke, dass es da Sachen gibt, die auch sie nicht wissen muss.
Eine Frau steigt die Treppe herauf und stellt eine Tüte auf eines der Sofas.
„Ist das das Ding?“, fragt Julia.
Die Frau dreht sich zu ihr um, guckt belustigt und pikiert zugleich „Ja. Das isses! Guck dir das mal an. Ich weiß nicht was das werden soll. Echt nicht. Ich bin ganz aufgewühlt. Aufgewühlt bin ich!“
„Ich schätze sie ist aufgewühlt.“, sage ich zu Julia.
„Arrrrrr!“, sagt die aufgewühlte Frau und geht nach hinten.
„Mensch Keule!“, ruft Julia ihr hinterher.
Nun erklärt mir Julia, das sie bei der Firma „Jacke wie Hose Textilpflege“ dieses Bügeleisen gekauft hat. Eigentlich hat sie es nur wegen dem Namen der Firma gemacht. Den fand sie wohl ultracool. Nachdem wir den Firmennamen auseinender genommen und wieder zusammengesetzt haben, schaut sie nochmal auf meinen Lebenslauf. Geht ihn mit mir durch, fragt warum ich jetzt fast ein Jahr nichts gemacht habe. Ich erzähle ohne rot zu werden von einem Autounfall mit langer Reha- Zeit. Meine Standardantwort auf diese Frage. Da fragt niemand nach. Keiner stellt komische Fragen und jeder kann nachvollziehen, dass das eine schlimme Sache ist.
„Wie steht es um dein Englisch?“
„I think it’s quite good.“
„So we can do the seconds part of this Interview in english. Great….“ Der Rest des Satzes geht in einem Kaudawelsch unter, das mir in sämtlichen Fernsehsendungen, die ich auf englisch schaue, nicht untergekommen ist.
Ich solle wohl erklären welche Eigenschaft ich habe, die mich ausmacht.
Solche Fragen hasste ich ja schon immer. Über Standardantworten wie „Ich bin zuverlässig, kann gut auf Menschen zugehen und arbeite gerne im Team“, die ich aus irgendeinem Berweben für Dummies Buch habe, komme ich nie hinaus. Das macht das Selbstwertgefühl mit mir. Aber das alles noch auf englisch. Jetzt. Unmöglich. Blackout im Kopf.
Nach einigen Sekunden, die ich grübelnd ins Leere starre, sage ich: „Da erwischst du mich jetzt echt auf dem falschen Fuß. Wie peinlich.“
„Why? What’s wrong? It’s just a question.“
„I know. But I don’t have a clue about the vocables I need here for now. So long ago, I really needed to speak english.“
Damit gibt sie sich zufrieden, nicht ohne ein Schweigen, das mich über den Punktabzug informiert.
„If you could choose a band to play in case of a opening party, which would you choose. You don’t have to care about money or something.“
Von unten dröhnt ein hohes Gitarrensolo. Bestimmt gespielt von einem langhaarigen Glam- Rocker.
„I would choose ‚Queen‘ and because this is a little bit complicated, I would choose ‚Kings of Leon‘ to play here.“
Keine dieser Bands gehört zu meinen Lieblingen, aber ich denke, sowas wollten die hören.
Sie erzählt mir nun von den Vorzügen hier zu arbeiten. Die 50 % Mitarbeiter- Rabatt (auf T- Shirts, die zum Einen wie scheußliche Ed Hardy Plagiate aussehen, zum anderen nicht in meiner Größe produziert werden) und davon, dass man innerhalb der Hard Rock- Familie jederzeit woanders arbeiten könne. Bis vor ein paar Monaten war sie noch Retail Managerin in Fuerte Ventura. Jetzt ist sie hier.  Dann kriege ich einen Fragebogen in die Hand gedrückt, soll ihn ausfüllen, während sie sich mit diesem neuen Bügeleisen beschäftigt und mich im Auge hat.
Erst jetzt fällt mir ein, an wen sie mich erinnert. Sie könnte ohne viel Mühe in Bret Michaels Fickshow mitwirken. Die wasserstoffgebleichten Haare und die versuchte Coolness. Sie passt da voll rein.
Als ich fertig bin, setzt sich die aufgewühlte Frau zu mir.
Sie sei die Supervisorin und da ich hauptsächlich mit ihr arbeiten würde, möchte sie auch nochmal mit mir reden. Ihr Name ist Magda und sie ist mir um einiges sympathischer als Julia.
„Wenn du ein Tier sein könntest, welches wärst du?“
Ich rufe mir in Erinnerungen, dass sie ja ‚Unique Characters‘ suchen und verstelle mich nun gar nicht mehr.
„Ein Waschbär.“
„Warum ein Waschbär?“
„Weil die so plüschig sind. Und weil die auch solche Augenringe wie ich haben. Und die können so rumklettern.“
Das wollte sie bestimmt nicht hören. Eher sowas wie ‚Ein Adler‘ oder ‚Ein Wolf‘.
„Ich sehe du kommst aus Uelzen. Mein Beileid.“
„Danke. Das war echt eine Nahtoderfahrung. Sowas will man auch nicht wieder erleben.“
„Ich komme aus Lüneburg. Mir erzählst du da nichts Neues. Wie hast du dich auf dieses Gespräch vorbereitet?“
„Ich habe mich angezogen und bin aus dem Haus gegangen.“
Sie zieht die Augenbraue hoch. Das erste Mal, dass sie die Maske der Coolness fallen lässt. Da ist aber nochmal ein Coaching fällig.
„Natürlich habe ich auch geduscht und mir die Zähne geputzt.“
„Okay. Das Hard Rock Café hat fünf Grundsätze. Kennst du die?“
So langsam werde ich ungemütlich. Ich mag nicht mehr. Überhaupt finde ich das alles von Grund auf unsympathisch hier.
„Nein. Da bin ich ganz ehrlich.“
„Gut. Weißt du wann das erste Hard Rock Café aufgemacht hat und wo?“
„Ich muss raten. 1979 in San Francisco.“
„Nein. 1971 in London.“
„Würdest du in einer Band spielen. Welche Position würdest du bekleiden?“
„Den Schlagzeuger. Zum Einen, weil Schlagzeuger meistens die coolsten Typen sind, ohne sie mal gar nichts geht und sie sich das Treiben von weiter hinten anschauen können.“
„Hast du ein Lebensmotto?“
Ich beginne zu überlegen. Mir fallen tausend kluge Sätze, von klugen Menschen ein. Aber keines ist ein Motto für dieses Leben. Außerdem lebe ich doch nach keinem Motto. Das behauptet man immer nur, weil irgendwer mal damit angefangen hat.
„Niemals gelben Schnee essen.“
„Kannst du drei Eigenschaften benennen, die dich am besten beschreiben?“
Was für ein Psycho- Kram. Das muss doch wohl nicht sein.
„Ich bin sehr offen im Umgang mit anderen Menschen… mir fällt nichts Positives mehr ein, was ich nicht schon erwähnt habe.“
„Es muss doch auch nicht positiv sein.“
„Dann bin auf jeden Fall noch chaotisch und frech.“
„Okay. Dann danke ich dir. Wir melden uns in 48 Stunden bei dir, wenn es geklappt haben sollte. Wenn nicht, dann nicht.“

Ich verlasse gestresst und entnervt das Café. Habe aber das Gefühl eine Schneise der Ratlosigkeit hinterlassen zu haben. Und das fühlt sich verdammt gut an.
Den Hype um Hard Rock Cafés kann ich nicht verstehen. Vielleicht bin ich zu jung um das nachzuvollziehen zu können.
Sie haben sich nicht gemeldet und ich bin auch nicht traurig drüber. Aber ich bin froh zum Gespräch gegangen zu sein. So habe ich wieder eine Geschichte zu erzählen. Und darum geht es ja. Immer.

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Ein Kommentar zu “Dieses Vorstellungsgespräch im Café des harten Rocks

  1. Bei Hard Rock Cafe arbeiten? Wieso? Schreib doch mal ein Buch. Ich würde es kaufen. Du schreibst wie ein Gott, wenn Gott witzig wär.

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