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Ein Blick ins Publikum. Emma6.


Meine beste Freundin möchte zum Konzert von Emma6 gehen und ich begleite sie, weil sie von mir ja nun wirklich überall mit hin geschleppt wird. Der Zeitpunkt ist denkbar schlecht, weil ich gerade musikalisch meine Aufs- Maul- Phase habe und Emma6 ja eher mit ihren Instrumenten schmusen. Aber ich gucke mir das an. Und ich werde dabei Freude empfinden.

Einlass. Stempel. Bier. Platz suchen.
Wir stellen uns an die Säule, weil man sich da lässig anlehnen kann und sehen uns um.
Ganz vorne steht eine Traube von jugendlichen, allesamt kurzhaarigen Mädchen, die miteinander kuscheln und sich betätscheln. Eine ältere Frau mit Weißbierglas und Bauchtasche drängt sich zu ihnen durch. Mutti. Mutti passt auf.
Neben uns ein knutschendes Pärchen und sie steckt ihren Mund so unnatürlich in seinen. Das muss ich mir leider ansehen.
Und da. Schon wieder Jugendliche in Begleitung ihrer Mütter.
„Kann es sein, dass wir den Altersdurchschnitt erheblich anheben?“, frage ich.
„Ich befürchte es beinahe.“, sagt Schmunzelmonster.
„Wo sind eigentlich unsere Eltern? Nie kümmern die sich um uns!“

Der Saal füllt sich und manchmal erspähen wir Gleichaltrige oder sogar Ältere. Aber auch nur manchmal.
Plötzlich drängelt sich ein Pärchen neben uns. Sie geht mir bis zur Brust. Ich bin klein. Und sie ist kleiner.
Ihre Figur wirkt merkwürdig gedrungen. Ihr Kopf hat einen kleinen Tic und ihr Gang ist komisch wankend. Als wäre ein Bein kürzer als das andere. O- Beine auch noch.
Ihr Freund bleibt neben mir stehen und sie platziert sich einen Meter vor mir.

Nachdem die Nebelmaschine zum zweiten Mal getestet wurde, kommt ein schmächtiger Mann (irgendwie das falsche Wort in dem Kontext, aber mir fällt auch gerade nichts passenderes ein. So eine Hipster- Type halt) auf die Bühne und greift zum Boden nach der Gitarre.
Die Mädels beginnen zu kreischen und wie wild zu klatschen. Facepalm!
„Der checkt doch nur nochmal den Sound oder? Und die drehen alle völlig durch. Lustig.“, sage ich.
„Gott nee!“, sagt Schmunzelmonster.

Und doch kommt es anders. Er schlägt in die Saiten und fängt an zu singen, irgendwas ist überfordert und übersteuert. Die Mädels reißen Handys und Kameras hoch und fotografieren wie die Verrückten. Der da oben muss schon eine Erektion haben, bei so viel Blitzlichtgewitter.
Nach dem schlechten ersten Song erklärt er, dass er ja eigentlich zur Band AffenFickenBier (Schmunzelmonster und ich haben das beide so verstanden. Er nuschelte auch noch so!*) gehöre, aber nur er heute da wäre, weil…. die anderen blöd sind oder so.
Eine halbe Stunde gibt er sich da oben ja echt Mühe, aber mir gruselts.
Eigentlich hasse ich Menschen, die bei der Vorband reden und laut sind. Gehört sich nicht sowas. Aber er ist mir so herrlich unsympathisch, dass Schmunzelmonster und ich uns gegenseitig von unserem Mittagessen erzählen.
„Wie die alle fotografieren. Wie im Zoo hier.“
„Die sollten sich lieber alle gegenseitig fotografieren. Das reinste Panoptikum des Grauens hier.“
„Ich hab einen neuen BH, den könnte ich doch mal hochwerfen, dann ist der beschäftigt.“
„Neuer BH?“
„Ja. Aber da ist schon Farbe drauf vom Wohnung streichen.“
Die Musik verstummt kurz und Schmunzelmonster schreit: „Warum malst du bitte deinen BH an?! Das macht keinen Sinn!“
Es wird sich zu uns umgedreht. Beiderseitige Facepalm. Danach hysterisches Lachen.

Nach einer halben Stunde hat der Vorbandmann uns alle leeren Worthülsen entgegengebrüllt und verschwindet endlich. Das bekommt von uns zusätzlichen Applaus.
Pausenmusik. Schöne Pausenmusik. The Notwist glaube ich. Mag mich aber nicht festlegen.
Der Sänger betritt die Bühne, checkt nochmal die Gitarre und es wird wieder gekreischt.
Die Band betritt die Bühne und spätestens jetzt kochen die noch jungen und nicht ausgereiften Hormonschleudern über.
Ich war nie so. Bei uns auf dem Dorf gab es aber auch keine Konzerte.
Die Mädels neben mir beginnen wie wild zu tanzen. Dabei gibt es einen übergeordneten Rhythmus: Tanzen, Klatschen, Handy gucken. Tanzen, Klatschen, Handy gucken. Bei manchen Liedern scheinen die Freundinnen eine eigene Choreographie zu haben. Sie bewegen ihre Arme so wellenförmig. Vor meinem inneren Auge sehe ich sie zusammen im Jugendzimmmer sitzen, Bravo lesen und in Haarbürsten singen.
Ich war nie so. Auf dem Dorf hatten wir aber auch keine Haarbürsten.
Die kleine Frau vor mir gerät in Ekstase. Ihr Kopf schwingt merkwürdig hin und her. Genau neben dem Takt. Das macht sie dreißig Sekunden. Dann wird ein Foto gemacht. Und noch eins. Hach. Jetzt hat sie eins vom Bassisten und vom Sänger, aber vom Schlagzeuger muss man doch auch eines machen können.
Jede halbe Minute reckt sie ihren Arm mit der Kamera hoch und fotografiert. Dann wird wieder gewackelt. Mitgeklatscht wird generell neben dem Takt. Alles andere ist ihr wohl zu Mainstream. Ihr Freund ist schon nicht mehr in Sichtweite. Ist ihm auch zu peinlich.
Aus dem Augenwinkel blicke ich zu Schmunzelmonster. Ich sehe sie gar nicht richtig, merke aber, dass sie genauso genervt ist wie ich. Nun blicke ich sie an.
„Ich hoffe die Speicherkarte ist bald mal voll.“, sage ich.
„Nein. Noch 2700 Bilder. Aber ich hoffe auf den Akku.“
„Nein. Noch alle drei Striche.“
„Scheiße.“

Diese Frau vor uns schafft es einen eigenen Umkreis von 2 qm einzunehmen. Gegen Mitte des Konzertes kommt sie mir aber immer näher. Zumindest riechen ihre Haare frisch gewaschen. Ich trete ihr in den Hacken. Sie dreht sich etwas um, bewegt sich aber nicht weiter weg.
Ich puste ihr zweimal in den Nacken. Keine Reaktion.
Einen Großteil des Konzertes durfte ich ab jetzt durch das Kameradisplay meiner Vorderfrau beobachten.
Überall werden weitere Handys und Kameras hervorgeholt. Ich freue mich schon morgen auf Youtube Mitschnitte zu finden, auf denen man nichts sieht und noch weniger hört. Eine verdammte Seuche ist das.

Die Band ist unglaublich unspektakulär. Wäre da nicht der Bassist, den ich in meinem Kopf Gonzo nenne, weil er wie einer aussieht.
Sein Hemd hat er leicht aufgeknöpft und ich frage mich, ob er seine Brusthaare rasiert oder ihm einfach keine wachsen.
Die ganze Zeit über posiert er, als würde er bei einer richtig harten Band spielen. Sein Mund ist meterweit geöffnet. Er ist ein Killer. Ein geiler Hecht. Nicht.
Dann ein neues Lied. Endlich ist mal Ruhe. Es ist zeitgleich die geilste Textzeile, die mir in Erinnerung blieb. Ich zitiere:
„Mach dein Herz auf für den Großeinkauf.“ Real,- und Edeka und wie sie alle heißen, erblassen nun vor Neid. Darauf sind sie nicht gekommen. Vielleicht zur Weihnachtszeit.

Ich für meinen Teil komme aus dem hysterischem Lachen nicht mehr raus. Alles ist so surreal. Aber es macht mordsmäßig Spaß mir das anzugucken. Diese kleinen Mädels, die völlig durchdrehen. Der Film könnte nicht falscher sein.
Schmunzelmonster macht nur zynische Kommentare und ich mag sie so gerne, wenn sie hasst. Das kann sie gut.

Dann ist der Spuk vorbei. Wir gehen noch etwas essen und reflektieren das Gesehene. Über ein „Eieieieiei.“ komme ich meist nicht hinaus.
Später im U- Bahnhof läuft plötzlich der Vorbandmann an uns vorbei und schaut uns merkwürdig an. Ob er das mit dem BH mitbekommen hat?
In der U- Bahn setzen wir uns von ihm weg. Wollen den nicht weiter beachten müssen. Aber das übernehmen auch schon andere für uns. Sie lachen laut und überschwänglich. Es blitzt.
„Sie machen doch nicht…?“
„Doch machen sie.“, sagt Schmunzelmonster.
Facepalm.

*Anmerkung: Sie heißen eigentlich „A5 Richtung Wir“ wollte ich nur gesagt haben.

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2 Kommentare zu “Ein Blick ins Publikum. Emma6.

  1. In Eurem Dorf gab es nicht mal Haarbürsten?Echt? Nicht eine? Armes Kind…

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