Hinterlasse einen Kommentar

Von blutigen Augen, Vertragsbindungen, Sekten und anderen bewusstseinserweiternden Ereignissen.


5:31 Uhr. Auf meinem Kopf sitzt eine schnurrende Katze. Ich reagiere nicht auf ihre perfiden Aufweckmanöver. Das macht sie sich nun wirklich zu einfach.
5:36 Uhr. Die Katze angelt mit ausgefahrenen Krallen unter der Decke nach meinen Füßen. Niemand, darf meine Füße berühren. Ich bin wach, stehe auf und bereite dem katzigen Wesen ihr Essen zu.
Nun liege ich im Bett und kann nicht mehr schlafen. Ich lese. Um kurz vor acht Uhr gelange ich an die Stelle, an der der Jugendliche das Pferd fickt um es von seiner Krankheit zu heilen. Der Autor bemüht sich um eine detailgetreue Wiedergabe des Geschehens. Und das noch vor dem ersten Kaffee. Ich beschließe aufzustehen. Das war definitiv ein verstörender Start in den Tag. An der Stelle hätte ich begreifen müssen, dass die Grenze erreicht und es nur noch schlimmer werden kann.

Ich schaue auf mein Konto und mir wird klar, dass ich den nächsten Monat finanziell auch wieder völlig im Arsch sein werde. Meine Eltern sagten: „Ruf an, wenn du Geld brauchst.“ Als ich meine Mutter nach Geld frage, reagiert sie eher weniger erfreut. Sie überweist mir was, aber, ihrer Stimme nach zu urteilen, eher ungern. Scheinbar bot man mir das nur an, weil man dachte zu wissen, ich sei zu stolz das anzunehmen. Es war auch immer so. Aber jetzt gebe ich mich auf. Hier ist nichts mehr zu beschönigen.
Während des Telefonats ein Blick in den Spiegel. Ich ziehe mein unteres Augenlid runter, zwecks Beschminkung und entdecke einen riesigen blutigen Fleck. Ebenso im anderen Auge.
„Mama! Da ist ganz viel Blut in meinem Auge!“
„Wo?“
„Na unten so drin.“
„Ach so. Das kommt vom Kotzen. Weil sich dann der Augeninnendruck erhöht. Beobachte das und mach dir keine Sorgen. Hab diesmal gar nicht drauf geachtet. Sah bei mir bestimmt auch fetzig aus.“
(Meine ganze Familie, so auch ich, hat eine mittelschwere Magen- Darm- Infektion hinter sich.)

Ich schminke meine blutigen Augen und gehe zur Bushaltestelle. Von der gegenüberliegenden Seite nähert sich eine Kindergartengruppe. Ich ahne Böses. Doch noch viel böser waren zwei dualsprachige Schüler, die auf mich zeigten und in vermeintlichem Portugiesich, Japanisch, Schwäbisch tuschelten.  Kurz überlegte ich ihnen meine blutigen Augen zu zeigen und über die Zubereitung von Menschenhirn zu referieren. Entscheide mich aber doch dagegen. Die Augen sind viel zu cool für die.

Stunden später sitze ich mit meiner besten Freundin in dem Café, in dem wir immer sitzen. Vorher kauften wir uns ein Brötchen, ich werde kritisch beäugt als ich meines auspacken möchte.
Wir schauen uns gerade ein paar Anzugträger an und ich versuche mir ihre versauten Sexpraktiken vorzustellen, als mir schwindlig wird. Ich hatte seit zwei Tagen nichts anderes als eine Packung Salzstangen gegessen. Es wird Zeit für Nahrung.
Wir gehen hinaus. Essend stellen wir uns unter einen Bäckerschirm.
„Hallo. Ihr seht so aus, als würdet ihr schon mal was von Yoga gehört haben.“
Ich drehe mich um. Ein Mann in den mittleren dreißigern, in orangefarbener Windjacke schaut mich an.
„Alter, wir kennen uns doch.“, sage ich.
„Ach ja?“
„Du hast uns schon mal im S- Bahnhof angesprochen. Hare Krishna oder?“
„Ähm ja. Das kann sein. Dann habe ich euch damals bestimmt schon den Flyer mit dem Mantra mitgegeben?“
„Ja, das hast du.“
„Habt ihr Fragen? Wollen wir darüber reden?“
„Also ich würde jetzt gerne erstmal mein Brötchen aufessen.“, erwidere ich.
„Ja, okay. Hier. Wartet mal.“ Er kramt in seiner violettfarbenen Umhängetasche.“Eine Broschüre zum Thema Karma. Das interessiert euch bestimmt. Habt noch einen schönen Tag.“
Gab er uns die Broschüre nun, weil ich nach diesem miesen Korb es bitter nötig haben werde? Egal. Wir machen ja bereits Karma- Witze.
Plötzlich verschlucke ich mich und ein Stück Brötchen bleibt bedrohlich in meinem Hals stecken. Karma also.
Als wir aufgegessen hatten gingen wir weiter und ließen die Broschüre auf dem Imbisstischchen liegen. Bestimmt ein Fehler. Solche Typen sind doch die, die gerne durchdrehen. Jetzt hat er mich nur verhext, denke ich noch immer hustend, nächstes Mal verflucht er uns, ob unseres Desinteresses.

Vor zwei Wochen kaufte ich mir ein neues Handy und schloss dazu einen neuen Vertrag ab. Er gefiel mir sehr, bis mir bewusst wurde, dass 100 Freiminuten bei dem Redebedarf meiner Mutter niemals reichen würden. Ich beschloss also meine Flats umzubuchen. Im Shop erklärte man mir, dass dies erst in 3 Monaten ginge. Jetzt könne ich die Flat nur oben drauf oder wie die sagen „on top“ buchen. Will ich aber nicht! Und letztens sagte man mir noch was anderes! Ich bin nun erbost!
Meine Mutter sagte noch „Die wollen dich doch auch zufrieden machen. Du brauchst nicht immer denken, dass man dich nur über den Tisch ziehen will.“ Am Arsch! Genau das wollen sie doch. Ich bin ein gefundenes Fressen! Ein harmloses, verträumtes Mädchen ohne Sinn für Mathematik und Logik. Das muss ich ausstrahlen.
Mein Tag ist im Arsch. So sehr im Arsch!

Bei Budni nur stinkende Seife und Gesichtsmasken im Angebot. Geil.

Auf der Busfahrt nach Hause sitze ich schräg gegenüber von zwei jugendlichen Mädchen.

„Ich schwör, bei meinem Vater gibt es immer was zum Rauchen. Jeder kommt und dreht sich erstmal einen!“
„Nää geil.“
„Ja und letztens war er unterwegs mit einer Flasche Selbstgebrannten und dann haben die Bullen ihn erwischt und zack war er im Knast…“
„Nääää“
„Na doch. Musste ich erstmal Formular ausfüllen. Aber sein Zellennachbar hatte gutes Zeug dabei. Haben sich erstmal ein paar Janes gebastelt.“
„Übelst.“
„Ja. Hat erzählt, der hat das sogar in der Zahnpasta drin. Merkt niemand, ich schwör.“
„Geil ey.“
„Ja, ich hab voll das geile Leben! Jetzt bin ich erstmal bei Mama….“
Ich muss aussteigen und bereue es nur minimal.

Liebes Leben, sollte ich als Spermium einen Vertrag unterschrieben haben, möchte ich ihn nun kündigen. Die Mindestvertragslaufzeit ist doch mit Sicherheit schon abgelaufen. Mein Album mit den Karmapunkten ist auch voll. (Das ist doch das mit den niedlichen Tierstickern von Rewe?) Ich mag nicht mehr mitmachen. Fasst euch doch alle an die eigenen Füße. Ich bin müde.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: