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Opferkult in Online- Singlebörsen. Was Malte Welding vergaß zu erwähnen.


Es geht halt wirklich nichts über einen attestierten Defekt. Denn Opfer lieben alle. Alle wollen Opfer sein (Selbst die, bei denen Opfer ein Schimpfwort ist, die deutschen Gangsta- Rapper, jammern in ihren Texten herum wie der Landausflug eines niedersächsischen Realschulkollegiums.)
Die Leute identifizieren sich mit ihren Krankheiten, seien sie nun albern oder dramatisch. Hauptsache, sie sind ein Teil von ihnen. Dadurch, dass jeder proaktiv leidet, werden selbst jene, denen tatsächlich etwas Schreckliches widerfahren ist, bloß zu einer weiteren Stimme im Chor der Selbstdarsteller.

Malte Welding, „Frauen und Männer passen nicht zusammen- auch nicht in der Mitte“, Piper Verlag 2011, S. 200

Malte Welding beschreibt in dem Kapitel „Opferkult“ wie sein Freund Jonas in Singlebörsen Frauen kennenlernt, die mehr als sehr offen mit ihren psychischen Erkrankungen und ihren Problemen im Leben umgehen. Der Autor schiebt die Frauen in eine Narzissten- Schublade, in die sie meiner Meinung nach nicht gehören. Zumindest nicht alle.
Ich selbst bin von psychischen Erkrankungen nicht unbetroffen und fand mich in einigen der Frauen wieder. Früher kam ich selbst immer viel zu schnell an den Punkt, von meiner Erkrankung zu erzählen. Ich tat es jedoch nie, um als Opfer da zu stehen oder umsorgt werden zu wollen. Denn das sind Sachen, die ich absolut nicht leiden kann. Kam das Gespräch auf Urlaube, erzählte ich, dass ich noch nie geflogen bin und mir das absolute Angst macht, da ich das Gefühl habe, dass mir die Kontrolle genommen wird. Sprachen wir von unseren Familien kam ich oft nicht umhin zu erklären wie scheiße es zwischen mir und meinen Eltern gerade und immer lief. Fragte man mich nach meinem Beruf, sah ich mich gezwungen zu erklären, dass ich eine psychische Krankheit hatte und deswegen meine Ausbildung nicht beenden konnte.
Das alles tat ich nicht für Aufmerksamkeit. Es gehörte zu diesem Zeitpunkt zu meinem Leben und im Kopf dreht sich natürlich alles nur darum.
Jemand sagte mir mal, dass er von mir damals gar nicht begeistert war, da ich sofort von all meinen Problemen erzählte und sie wie ein Schild vor mir her trug.
Ich dachte, dass ich für andere einfacher zu verstehen wäre, wenn ich ihnen alles erzählte. Für mich war das gerade meine Realität. Das war jeden Tag in meinem Kopf. 
Ich lebte damit.

Natürlich drehen sich die Gedanken einer Essgestörten immer um Kalorien, um Aussehen, darum perfekt zu sein. Das ist ihre Realität.
Der Manager wiederum wird gern und viel von Vertragsabschlüssen und Meetings erzählen und der ist ja wohl absolut gesund. Nach außen hin.

Das ist unser Alltag. Darum kreisen unsere Gedanken den ganzen Tag. Wir wollen uns nicht als Opfer darstellen, wollen kein Mitleid, machen das alles nicht bewusst. Wir leben einfach nur tagtäglich damit und haben oft das Gefühl, das wir einfach zu anders sind. Darum gestehen wir unsere Diagnosen und Macken sofort. Denn so nehmen wir anderen den Wind aus den Segeln, sollten sie uns Verrücktheit attestieren wollen. Außerdem sind wir einfach verrückt, uns sind so viele beschissene Sachen passiert, da kannst du uns doch nicht böse sein oder? Oder? 

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4 Kommentare zu “Opferkult in Online- Singlebörsen. Was Malte Welding vergaß zu erwähnen.

  1. Da könnte man noch viel mehr hinzufügen, aber im Grunde hast du es schon ganz gut selbst zusammen gefasst. Man versucht weniger angreifbar zu werden, indem man offen zu seinen Schwächen und Fehlern steht. Wenn man von vornherein sagt, was Sache ist, so glaubt man, kann einem niemand mehr einen Vorwurf daraus machen. Wenn man selbst Witze über seine Schwächen macht, dann wird man nicht mehr so schnell zum Opfer von beißendem Spott – glaubt man.
    Das Problem ist folgendes: Das wirkt ganz schnell pathetisch. Außerdem ist es doch wirklich so, dass jeder seine Geschichte zu erzählen hat und jeder mit größeren und kleineren psychischen Schäden lebt. Die machen uns zu nichts Besonderem, die machen uns nur menschlich.

  2. Ich weiß nicht, ob wir tatsächlich so weit auseinander liegen.
    Du sagst ja selbst, du seist zu früh mit solchen Informationen herausgeplatzt („Früher kam ich selbst immer viel zu schnell an den Punkt, von meiner Erkrankung zu erzählen.“)
    Das Problem ist eben, dass man dem anderen die Möglichkeit nimmt, sich selbst ein Bild zu machen, indem man sich (ständig) selbst interpretiert. „Ich bin ein Mensch, der…“ – nach so einem Anfang bleibt dem Gesprächspartner nicht mehr viel Spielraum.
    Du wirst natürlich wissen, warum du, als du akut von etwas betroffen warst, davon erzählt hast – und natürlich ist deiner Aussage über deinen konkreten Fall mehr zu trauen als meiner Brachialanalyse. Aber ob wirklich Prominente in Talkshows gehen, weil sie von ihrer Angst gerade so vereinnahmt sind?

    • Ich wollte dich auch gar nicht komplett widerlegen.
      Gerade wenn man sich scheinbar nur mit sich und seiner Krankheit beschäftigt, bekommt das ganz schnell narzisstische Züge. Aber sie sind keine bleibende Charaktereigenschaft.
      Was Prominente angeht, denke ich, dass man narzisstisch veranlagt sein muss, um in dieser Scheinwelt überhaupt zurecht zu kommen und ein investigatives Gespräch mit Reinhold B. Kerner überstehen zu können. In dem Fall kann allerdings auch Alkohol helfen.

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