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Die Stumpfheit des Alters.


Meine Eltern werden alt. Das merkt man an Kleinigkeiten.
Slumdog Millionär war meinem Vater zu heftig. Er hätte lieber das Alternativprogramm im Ersten oder Dritten gesehen. Überhaupt hat er sich den Film viel lustiger vorgestellt.
Meine Eltern glauben, dass alles, was RTL2 abends zeigt, wahr ist.
Meinungen sind stark festgefahren. Die Politiker machen eh was sie wollen. Und wer zahlt die Zeche? Der kleine Mann. Jaja. Seit Jahren droht mein Vater aus Protest die NPD zu wählen. „Um denen da oben mal zu zeigen, dass sie nicht machen können was sie wollen.“ Nicht mit ihm.
Sein Elternhaus einige Dörfer weiter wurde frei. Meine Mutter sei ja keine Rassistin, aber:
„Da ziehen wir nicht hin! Da sind viel zu viele Türken!“, sagte meine Mutter entrüstet.

„Diese Kinderschänder sollte man alle umbringen! Monster sind das!“, sagt mein Vater während der Tagesschau.
„Jeder Mensch hat das Recht zu leben. Das kann ihm kein anderer Mensch absprechen.“, erwidere ich entnervt.
„Ach. Aber der darf Kinder umbringen oder was?“
Schwierige Ausgangslage für mein Argument. Jedes Mal, wenn ich zu Besuch bin, führen wir diese Diskussion. Und jedes Mal hakt sie an diesem Punkt.
Der Kindergärtner meines Bruders ist schwul.  Mein Vater und sein Bekannter sind keine Homophoben, aber:
„Stell dir nur vor der wickelt mein Kind! Da wird mir ganz schlecht!“
„Und wie der die beim Sport bestimmt anfässt!“
„Ihr seid so widerlich, wisst ihr das eigentlich? Ihr müsstet euch mal reden hören!“, rufe ich von hinten in den vorderen Teil des Autos.
„Larissa, der Kerl steht montags auf dem Edeka- Parkplatz, reibt sich den Arsch und erzählt von seiner Feierei in Hannover. Und dem soll ich mein Kind anvertrauen?“
„Weißt du, ob die Kindergärtnerin des anderen Bruders nicht vielleicht eine Vorliebe für SM hat? Was die in ihrer Freizeit machen geht euch einen Scheiß an!“
Dann war Ruhe im Auto. Der Kuchen hat geschwätzt.

Seit Jahren sagt mein Vater, dass es vollkommen okay wäre, wäre ich lesbisch. Was aber gar nicht geht wäre, wenn ich „mit einem Ali“ zu Hause auftauche oder meine Brüder schwul werden würden. Aber er ist ja kein Rassist.

Kaum vorstellbar, dass wir damals glücklich in Kreuzberg wohnten und wöchentlich bei unseren venezuelanischen und türkischen Nachbarn Essen waren. Dass meine Mutter mit mir über dem Kudamm ging und mir sagte, dass wir froh sein können, in einem Land zu leben, in dem so viele Kulturen leben können. Denn sie hat als Jugendliche in Paraguay leben müssen. Dort ist man feindselig gegenüber Landesfremden.
Mich macht dieser Wandel in deren Mentalität zu schaffen. Ich liebe meine Eltern, aber sie treten Werte, die für mich wichtig sind, mit Füßen. Von allen anderen Menschen, die so reden hätte ich schon längst Abstand genommen.

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