Ein Kommentar

Es frühlingt. Es frühlingt so sehr.


Ich werde älter. Älter werdende Menschen interessieren sich plötzlich für das Wetter. Nicht, um zu wissen, was man morgen anziehen muss. Ob, man nochmal schnell die Waschmaschine anmachen muss, sondern um es zu erleben. Man will das Wetter erleben. Der Sonnenschein draußen macht ein schlechtes Gewissen, wenn man drin sitzt. Man muss doch raus gehen, das miterlebt haben! Irgendwie lebendig sein.
Als Kind mochte ich das draußen nicht sonderlich. Dort konnte man kein Fernsehen gucken, kein Supernintendo spielen. Nicht lesen, weil die Sonne, egal wie man lag, saß, stand, blendete. Blätter flogen generell weg und so verging auch die Lust am Malen und schreiben.
Ich streife mir die Frühjahrsmütze über, denn eine Frühjahrfrisur habe ich noch nicht. Draußen im Viertel fängt es an zu blühen. Selbst die grauen Fassaden der Hochhäuser schauen wehmütig auf die Natur herab und würden auch so gerne mal blühen.
Auf dem Lidl- Parkplatz sitzt eine Menschenmasse versammelt. Zur nächsten Grünfläche ist es zu weit. Also haben sie Decken auf dem Asphalt ausgebreitet, batteriebetriebene Radios aufgestellt und unterhalten sich lautstark darüber hinweg. Kinder spielen Fußball und lachen. Erwachsene und in der Vielzahl stark behaarte Männer stehen um einen Grill herum und wenden das brennende Fleisch.
Doch nicht nur vom Parkplatz weht der Geruch vom Ritual des offenen Feuers. Vorwiegend ältere Menschen sitzen auf vorwiegend stark dekorierten Balkons und bereiten  vorwiegend Fleisch auf vorwiegend Elektrogrills zu. Sie nennen es grillen. Am Ende sitzen sie nah beieinander auf dem viel zu kleinen Balkon und eine Person, „Der Grillmeister“ meist genannt, ist auserkoren mit einer Gabel das Grillgut zu wenden und den Wasserstand im Grill zu kontrollieren. Ich schmunzle darüber ein bisschen.

Mein Weg führt mich zu einem, mitten in die Landschaft neben den Bahngleisen, betonierten Weg. Legenden zufolge führt er bis in die Hamburger Innenstadt. Ich kann das nicht bezeugen, denn um das zu überprüfen fehlt mir noch die Muße.
Hier an diesem Weg zeigen sich die Überreste des Winters. Des vor langer Zeit abgetauten Schnees. Meine Nase beginnt zu laufen und am Wegesrand türmt sich der Müll. Glasflaschen, verwitterte Verpackungen von irgendwas und sich auflösendes Papier.
Kinder jagen sich auf dem Spielplatz, an dem ich vorbeikomme. Sie jagen sich und ihre älteren Geschwister sitzen kichernd auf der Bank und beobachten die jugendlichen Jungs, die zu ihrem Leidwesen ihre kleinen Geschwister mitnehmen mussten und denen nun beim Buddeln helfen müssen. Denn alleine kommen die Kleinen nie
bis nach China!
Neben dem Weg erstrecken sich Felder, auf denen Bauern am Anfang der Woche, am Anfang der Sonne, begannen zu pflügen. Heute sähen sie die Saat und werden dabei von einem Schwarm Möwen verfolgt, der diese noch schnell vom Boden wegpickt, bevor es zu spät ist.
Von diesem Weg aus, kann ich mein Hochhaus sehen. Es markiert irgendwie die Stadtgrenze. Hinter dem Haus sind nur noch Felder. Ein starker Umbruch. Ein schönes Bild.
Hier riecht es gut. Nicht so wie in den Parks, deren Grünflächen vom Geruch nach Sonnencreme und gerinnendem Deodorant überlagert sind. Hier riecht es nach Frühling. Nach Aufwachen. Nur, dass die Natur keinen morgendlichen Mundgeruch hervorbringen kann. Dafür bin ich dankbar.
Fahrräder fahren an mir vorbei. Meist in der Konstellation Mutti und Vatti. Vatti ist immer um die 2 Meter vor Mutti. Er trägt sportliche Kleidung und vor allem Sportschuhe. Als ob es wichtig wäre Sportschuhe zu tragen, bei einer Betätigung, bei der der Fuß den Boden eh nicht berührt. Mutti trägt Wohlfühlkleidung, eine Mütze mit Schirm und ruft dem Vatti mit dem sportlichen Ehrgeiz ein: „Friedrich, jetzt ras doch nicht so! Guck dir die Landschaft an. Wie schön. Friedrich!“, hinterher.
Zwei Kinder führen ihren Hund spazieren und kappeln sich dabei. Sie schubsen sich und lachen. Der Hund ist irritiert und dreht sich alle paar Schritte um und kontrolliert, ob aus dem Spaß ernst wird und er sein Mädchen beschützen muss.
Ein Jugendlicher überholt mich. Er trägt Pilotenbrille, ein Polohemd mit stehendem Kragen und kurz geschorene Haare. In der Hand trägt er russisches Bier spazieren. Erst überlegte ich auch mich mit einem Bier in die Landschaft zu setzen. Nun bin ich froh, von dem Gedanken abgekommen zu sein, denn der Junge beweist mir, wie armselig das aussehen kann.
Mein Weg zurück führt an einer Kleingartenkolonie vorbei. Eine Kleingärtnerin kommt mir entgegen. Sie ist der Prototyp. Lange, zottelige Haare, Jogginghose, schnell übergeworfene Kapuzenjacke und Gummilatschen mit Socken. An der Leine führt sie einen zotteligen Hund. Der Hund scheint der Grund zu sein, warum sie ihren, vermeintlich von Hecken blickgeschützten, Wohlfühlbereich verlassen musste.
Ein kleiner Steg führt zu der Abkürzung, die ich nehmen will. Am Wasser kabbeln sich zwei Jugendliche. Ein, in neonfarben gehülltes, Mädchen und ein Junge. Am Ende des Sommers werden sie oft geknutscht und vielleicht schon ein Baby haben.
Hinter dem Steg liegt eine Wohnsiedlung mit Spielplätzen. Hier erreicht mich nun der Geruch von sonntäglichen Familienausflügen. Sonnencreme, gerinnendes Deodorant,gewinnender Schweiß und der Geruch von warmem Neuwagen. Von letzterem wurde mir so schlecht und ich bekam solch starke Kopfschmerzen, dass wir das Auto gegen einen gebrauchten austauschten.
Zum Schluss noch ein erster Schmetterling. Er ist gelb.

 

Bilder vom Ausflug sind aus Gründen hier zu finden: http://waterkantroyal.tumblr.com/

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Ein Kommentar zu “Es frühlingt. Es frühlingt so sehr.

  1. Wunderschön! danke fürs Mitnehmen auf diesem Deinen Spaziergang

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