Ein Kommentar

Dann fallen dir alle Gliedmaßen ab und du merkst es nicht.


Sie sitzt dir gegenüber und erklärt wie es aussehen und wie es weitergehen kann. Mit dem Arbeiten gehen. Sie redet sanft, langsam, verständlich. Sie gestikuliert viel. Alles was sie sagt, sagt sie so als wäre ich ein kleiner Junge, dem alle Arme und Beine abgefallen sind. Ich soll verstehen, dass es keine Schande ist, keine Gliedmaßen mehr zu haben. Da gibt es doch immer noch so viele Möglichkeiten sich trotzdem fortzubewegen. Ich kann diesen Tonfall, dieses Betragen nicht ertragen. Mir fehlen keine Gliedmaßen, nicht mal Mandeln oder der Blinddarm. In meinem Schrank stehen nur ein paar Tassen falsch. Jedes Mal, wenn jemand die Tür zu grob schloß, bewegten sich die Tassen ein kleines Stück.

Ob ich mir das vorstellen könne? Ich weiß es nicht. Ich solle sie mir einmal bildlich vorstellen, mich hineinversetzen. Ich stelle mir diesen Raum voller Menschen vor, alle sind größer, hübscher und vor allem klüger als ich. Sie wissen genau was sie tun. Nur ich weiß es nicht. Sie sind mir in allem überlegen, es macht keinen Sinn für mich dort zu sein.
Tränen sammeln sich in meinen Augen. Bloß nicht weinen. Doch nicht hier. Vor Beamten weint man nicht. Das ist wie mit dem Angstschweiß und den Hunden. Die riechen das und dann hat man ein Problem.
Ob ich in Worte fassen könne, was los sei. Ich fühle mich jämmerlich, bemitleidenswert. Ich weiß, dass meine Gedanken und Befürchtungen übertrieben sind. Nicht der Realität entsprechen, doch sie machen mir trotz allem Angst. Und möchte keine Angst mehr haben. Möchte normal sein. So wie alle anderen.
Sie nickt verständnisvoll. Man könne nichts erzwingen und sie sähe, dass ich noch nicht so weit sei. Das wäre nicht schlimm. Wir würden in Kontakt bleiben und wenn es an der Zeit ist, starten.

Er hat alles mit angehört. Was ich denn unter normal verstehen würde? Morgens aufstehen, ohne Angst auf der Arbeit zu versagen und unangenehm aufzufallen, ohne Beklemmungsgefühl in den Bus steigen zu können. Sowas halt. Ganz normale Sachen machen und nicht für jede normale Sache, die ich gemacht habe, Anerkennung bekommen müssen. Jeder Termin, den ich ohne Panik bestreite ist für mein Umfeld ein Fest. Ich habe mir mein Leben nun mal anders vorgestellt, nicht wie die Lebendigwerdung eines Schrottplatzes.
Er schüttelt den Kopf. Früher oder später verrücken sich bei jedem Menschen die Tassen. Wen interessiert es da noch, wann es passiert.

Weißt du, sie hat mich angeguckt und mit mir gesprochen als wäre ich ein Junge, der keine Arme und Beine mehr hat. Als müsste ich mir alle Fähigkeiten, die ich mal hatte wieder hart antrainieren und damit umgehen lernen, dass die Beine manchmal fehlen.
Ich gucke an mir herunter. Da sind keine Beine. Ich brauche den Arm nicht heben, um mich zu vergewissern, dass er nicht mehr dort ist.
Er lächelt wissend und klopft mir auf den Arm. Das würde schon wieder. Wie mutig es doch von mir war, heute überhaupt zu diesem Termin zu kommen, das wäre doch wunderbar! Für die kleinen Sachen, müsse ich mich doch auch mal loben.  

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Ein Kommentar zu “Dann fallen dir alle Gliedmaßen ab und du merkst es nicht.

  1. Schön geschrieben! Lob aus ehrlicher Anerkennung. 😉

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