Hinterlasse einen Kommentar

Auf Opa Horst! Auf das Leben!


Heute vor 9 Jahren ist Opa Horst gestorben. Er war einer von den Guten.
Sein Leben lief alles andere als geradlinig. Kurz vor Ende des Krieges wurde er in Geesthacht geboren. Sein Vater verstarb irgendwo in Polen. Beim Kacken von einer Granate erwischt.
Über seine Jugend weiß ich nichts. Irgendwann lernte er meine Oma kennen, begann zu trinken. Fuhr sein erstes Auto kaputt, kaufte eine Stunde später das gleiche nochmal.
Dann verbrachte er die Kindheit und Jugend meines Vaters in Kneipen, haute aus der Entzugsklinik ab. Als er dann nach Berlin zog, hat er den Absprung geschafft. Er war nun Hausmeister in dem Haus, in das wir später einzogen. Bei Oma und Opa gab es immer Milchschnitten. Ganz oben im Kühlschrank. Wurde mir langweilig spielten Opa und ich Tipp- Kick oder ich durfte mich in Opas weißen Mercedes setzen und Auto fahren spielen.
Mit dem Fahrrad fuhr er mit mir durch den Tiergarten, an der Spree entlang, am Zoo vorbei. Ich liebte das Geräusch, wenn er im Herbst welke Blätter überfuhr. Oft besuchten wir meinen Vater dann auf Baustellen oder aßen Eis. Das waren schöne und viel zu seltene Augenblicke.
Als ich in die Grundschule ging, zogen meine Großeltern zurück in die Nähe von Uelzen. Wir übernahmen deren Wohnung und die Hausmeisterstelle. Es folgten viele Streits, häufiger Kontaktabbruch. Nach 2 Jahren rief Opa bei uns an. Ich war allein zu Haus und gemeinsam weinten wir am Telefon als wir uns nach Jahren wieder hörten.
Als ich meine Grundschule abschloss, beschlossen meine Eltern meinen Großeltern in die Heimat meines Vaters zu folgen.
Mit 12 Jahren habe ich in Opas Benz Auto fahren gelernt. Meine Oma verbot ihm irgendwann mir Geldscheine mitzubringen. Also brachte er immer eine Hemdtasche voll Kleingeld mit. Er liebte meine Ohren. Denn im Gegensatz zu seinen, standen sie gar nicht ab. Er war immer stolz auf mich, egal was ich getan habe. Er nannte mich „Sein Mädchen“. Zum Sonntagsessen hat er immer den Nachtisch gemacht. Quarkspeise mit Heidelbeeren. Wenn keiner hinguckte, kippte er Mandelaroma mit rein. Seine Geheimzutat. Quarkspeise, sagte er, sei das einzige, was er kochen könne.
Dann gab es wieder Streit. Wieder sah ich ihn lange nicht. Und dann der Anruf. „Horst ist tot.“. Aufgelegt. Widerwillig wurden mein Vater und ich zur Beerdigung eingeladen. Meine Mutter nicht. Sie fand drei Tage vor meinem Geburtstag statt. Wir gingen nicht hin. Nie hatte irgendeiner meiner Verwandten meinen Opa unterstützt, ihn immer für einfach gestrickt gehalten. Sie waren sauer auf mich, weil ich als einzige erbte. Seine Lebensversicherung. Den Rest, den meine Großmutter gelassen hatte. Wir wollten nicht mit diesen Menschen trauern. Daher wissen wir bis heute nicht wo er wirklich beerdigt wurde. Lange habe ich darunter gelitten, geweint, geflucht. Heute ist es okay. Ich brauche keinen bestimmten Ort um traurig zu sein, um weinen zu können. Ich weine einfach hier. Um ihn, um die Zeit, die ich gerne mit ihm gehabt hätte. Bis heute darf im Haus meiner Eltern keine Quarkspeise mehr hergestellt werden.
Auf Opa Horst. Auf das Leben!

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: