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Fürs Protokoll


„Das Herz beginnt zu rasen und spätestens dann sitzt in dem Kopf so ein Kobold. Er sitzt da, irre lachend und verursacht unerträgliche Angst, dass man jetzt gleich stirbt.

Ich könnte niemals sagen “woran” genau ich dann sterben würde. Aber ich weiß, es ist todesangst. Jedes Mal. Jedes verkackte Mal sitzt der Kobold in meinem Gehirn und gaukelt mir vor, dass das jetzt gleich die letzten Sekunden meines Lebens sind.

Mein Körper reagiert, wie alle Spezies in dieser Situation. Er kommt noch mehr in Fahrt. Mein Herz rast und ich komme locker auf 190 Herzschläge die Minute, was weder gesund noch förderlich ist. Alles um mich herum wird so laut, bis ich fast gar nichts mehr hören kann außer einem unerträglichen Rauschen. Zudem muss ich mich dann entweder übergeben oder mich anderweitig von meinem im Körper befindliches Resten entledigen. Möglichst schnell.“

So beschreibt Die Mutti ihr Empfinden einer Panikattacke. Ich kenne es nicht genauso, denn jedes Symptom ist genauso unterschiedlich wie deren Halter.
Gestern war mein Godzilla wieder da und die Japaner in meinem Kopf liefen schreiend umher. Und er trampelte und rastete aus. Kurz vor meinem ersten Arbeitstag seit 2 Jahren. Aus dem Nichts. Eben war noch alles gut. Ich trug meine Arbeitskleidung und beim Herunterdrücken des Toasterhebels zog sich plötzlich mein Magen zusammen. Ich konnte nicht mehr richtig atmen. Hätte ich tief eingeatmet, wäre es zu spät gewesen. Godzilla hätte sich aufgebäumt. Ich griff zum Telefon und rief meinen Betreuer an. Es ist Samstag. Er hat für mich in seiner Freizeit eine Alarmbereitschaft eingerichtet. Wenn es losgehen sollte, kommt er vorbei, zieht mich aus der Wohnung und bringt mich zur Arbeit. Er mache sich auf den Weg, sagte er. In dem Moment, als ich auflegte war es vorbei. Aus mir stürzten die Tränen.
Ich versuchte zu atmen, stehen zu bleiben, nicht zusammen zu sacken. Anruf bei der Mutter. Sie solle was Gutes sagen, sage ich. Das tat sie. Bekam sie doch früher die gleichen Anrufe von meinem Vater. Verkackte Vererbung.
Als ich wieder atmete, musste ich mich bewegen. Ich lief zum Bahnhof, passte meinen Betreuer ab und ging voller Scham neben ihm her. Anderen Leuten passiert sowas nicht.
Der Arbeitstag lief gut.

„Und war die Angst berechtigt?“
„War es den Aufstand wert?“
„Hat man dir den Kopf abgerissen?“

Fürs Protokoll: Fragen wie diese sind demütigend. Ich mache das doch nicht aus Spaß an der Freude und weil ich es super individuell finde, für einige Minuten aus dem Nichts das Gefühl habe, zu sterben.
Ich weiß doch, dass die Angst nicht berechtigt ist. Sonst wäre es keine Krankheit. Ich bin wohl in der Lage Realität und Wahnsinn zu trennen. Nur manchmal ist da ein Fehler im System. Irgendwas brennt da oben durch und Godzilla feiert eine fette Party. Das macht keinen Spaß. Das macht verdammt wütend. Und verdammt traurig. Genau wie oben genannte Fragen.
Danke.

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7 Kommentare zu “Fürs Protokoll

  1. Dicke Liebe mein Herz ❤

  2. Was ist das für ein Betreuer? Welche Ausbildung hat er?

    • Mein Betreuer ist studierter Sozialpädagoge. Das Standard- Programm.

      • folgender Kommentar richtet sich direkt an dich, Veröffentlichung ist nicht mein Ziel.

        Ich kenne dich nicht, darum kann das auch total daneben sein, trotzdem: Wenn jemand aus meinem Umfeld das so berichten würde, würde ich ihm aber vermutlich eher einen Termin bei einem ambulanten Psychotherapeuten (vorzugsweise Verhaltenstherapie) empfehlen.

        Viele Grüße
        FBM

      • Letztes Jahr war ich 12 Wochen stationär in Behandlung, einen Therapieplatz zu bekommen, ist in Hamburg schwieriger als mit Udo Lindenberg einen Trinken zu gehen. Da die Bewilligung für meine berufliche Reha noch 6 Monate braucht und ich keine Lust mehr habe zu warten, schleife ich mich nun durch meine eigene Therapie. Lernen durch Erfahrung. Schlechte Erfahrungen mit guten überschreiben. Wird schon werden, wird auch schon.

  3. OK, viel Glück!

    Du hast leider recht, dass es sehr lange dauert, bis man von der Warteliste runter ist und endlich eine Therapie anfangen kann. Dazu muss man aber sagen, dass es in Hamburg pro Einwohner viel mehr niedergelassene Therapeuten gibt als in anderen Bundesländern und die Wartezeiten relativ niedrig sind.

    • Mag sein, dass die Wartezeiten in Hamburg kürzer sind als woanders. Helfen tut dieses Wissen einem Betroffenen aber auch nicht.
      Stellen wir uns nun vor gebrochene Beine müssten bis zu drei Monate gebrochen bleiben, weil die Wartezeiten eben so lang sind. Will man nicht.

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