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Bundesjugendspiele.


Die Nacht davor schlief ich unruhig. Erst gar nicht ein und dann nicht weiter. Zwischendurch immer die Hoffnung, dass da doch etwas Fieber sein muss. Muss ich mich übergeben? Ja, bestimmt. Sofort. Nein. Jetzt vielleicht. Verdammt.
Ich hasste die Bundesjugendspiele. Einmal im Jahr kamen dann wirklich alle Klassen unserer Grundschule im Berliner Mommsenstadion zusammen um sich zu messen. An sich selbst. So sagt man als Erwachsener. Seine Grenzen kennenlernen und darüber hinaus gehen. Alles geben.
Für meine Leistung gab es keinen Maßstab. Die schwachen sind gern mit mir zusammen gesprintet um stark auszusehen.
Weitsprung. Übertreten. Und dann voller Inbrunst 50 cm weit gekommen. Da konnte man fast noch ein Lineal anlegen.
Es war ein sportliches Trauerspiel. Meine Aufgabe sah ich eher im socialising und in der Unterhaltung.
Desweiteren hatte ich immer die besten Süßigkeiten dabei.
Sportlich habe ich nichts aus den Bundesjugendspielen mitgenommen, außer wie man sich am besten wegdruckst und nicht auffällt. Die Teilnehmerurkunden wurden zum Glück immer in den Klassen ohne Zuruf des Namens verteilt. Die Lehrer gaben uns Aufgaben und verteilten währenddessen ohne Worte die Urkunden. Ich hätte tatsächlich lieber gar nichts bekommen, als schwarz auf weiß zu sehen, dass ich da etwas unbegabt bin.
Das klingt jetzt alles eher traurig, doch ich habe auch vieles gelernt. Autosuggestion. In der Nacht vor den Spielen redete ich mir allerhand Krankheiten ein bis es mir morgens so schlecht ging, dass meine Eltern es für besser befanden, würde ich Zuhause bleiben. Manchmal klappte es jedoch nicht. Im einen Jahr legte ich mir eine Kartoffel in die Armbeuge und verband diese so über Nacht. Am nächsten Tag nahm ich den Verband ab und streckte ruckartig meinen Arm. Mein Onkel hätte sich damals auf diese Weise den Arm gebrochen und wäre so nicht zur Bundeswehr eingezogen worden. Ich versprach mir viel von dieser Mythe und blieb enttäuscht mit Arm dran zurück. Ja, mein psychischer Druck war so groß, dass ich gebrochene Gliedmaßen billigend in Kauf nahm. Irgendwann war ich dann so alt, dass ich pünktlich zum Sportabzeichen ernstzunehmend depressiv wurde. Dann war es mir endlich egal, ob alle guckten und lachten.
Trotz dieser schlechten Erfahrung, die ich im Schulsport und bei den Bundesjugendspielen machte, bin ich nicht dafür sie abzuschaffen. Ich bin eher dafür, dass Kinder lernen auch mit ihren Schwächen umzugehen und aufgefangen werden. Mich sprach nie ein Lehrer an. Auch wenn ich weinend zum zehnten mal wegen Übertretens in den Sandkasten springen musste.
Und am allerwichtigsten: es ist einfach scheißegal.
Was jedoch gut war: Unsere Mathelehrerin und der Sportlehrer sind zusammen auf der Toilette erwischt worden.

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