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Reisetagebuch Tag 3 Szczecin-> Gdansk (Danzig)


Nach dem Frühstück brechen wir auf zu der fünf stündigen Fahrt nach Gdansk. Unser Navigationssystem ist vollständig verwirrt und geistert von allen GPS Signalen verlassen mit uns durch die vollen Straßen von Szczecin. Schweißnass erreichen wir die nächste Tankstelle und das Navi beginnt sich zurecht zu finden. Wir verlassen Szczecin durchs Hafen- und Industriegebiet. Bewusst haben wir uns für die Landstraße entschieden. Wir wollen sehen wie Polen außerhalb der Städte aussieht. Es gibt viele Äcker und Prostituierte. Am Straßenrand, an Einfahrten zu Waldwegen stehen die Damen des gepflegten Bauchtaschengewerbes in neonfarben und warten auf das nächste Geschäft. Zwischen den Feldern stehen manchmal überraschend großzügige Häuser, ja teilweise neu gebaute Anwesen. Das letzte und nächste Dorf kilometerweit entfernt. Einfach im Nichts. Manchmal sind es aber auch kleine Häuser im tristen Ostputz mit Hühnern und kleinem Garten. Es ist scheinbar nicht nötig die Hühner einzuzäunen, denn die haben ohnehin ihren eigenen Kopf und kommen abends ganz freiwillig zurück in den Stall. So picken sie öfters, manches Mal auch in Begleitung eines Hundes, am Grünstreifen herum.
Wir fahren durch die Natur und plötzlich sind wir nahezu umgeben von einem Schwarm Kraniche. In Deutschland sieht man sie ohnehin selten. Hier sind sie in großen Gruppen unterwegs und schön anzuschauen.
Zwischen den Dörfern, die manchmal auch eine halbe Stunde Autofahrt auseinander liegen, kommen uns Menschen entgegen. Wo sie herkommen und wo sie hinwollen, ist uns ein Rätsel. Vielleicht kennen die Damen mit den Bauchtaschen die Antwort. Irgendwo in der Pampa läuft ein Mann strammen Schrittes am Seitenstreifen entlang. In einer Hand eine Axt, in der anderen den leblosen Körper eines Huhnes. Nur. Nicht. Anhalten.
Am Anfang oder am Ende jeder Ortschaft steht ein großes geschmücktes Kreuz oder ein beleuchteter Schrein mit Marienstatue drin. Auch hat fast jede Ortschaft einen eigenen Friedhof. Hier werden sie nicht versteckt hinter Mauern und Efeu. Sie sind frei einsehbar und die Gräber bunt geschmückt. Auch wenn es nur Plastikblumen sind, so sollen es die Toten doch auch schön haben. Sie gehören scheinbar zum Alltag dazu. An Kirchen hängen Transparente mit dem Bild des örtlichen Pastors. Er zeigt sein bestes Zahnpastalächeln. Ein Popstar nahezu.

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Neben den großen Kreuzen sehen wir leider auch am Straßenrand viele kleine. Hier haben wohl viele ihr Leben gelassen. Obwohl wir die Straßen als angenehm empfinden. Sie sind leer und haben auf jeder Spur einen breiten Seitenstreifen auf den man ausweichen und dem Hintermann zum Überholen Platz machen kann. Oder besser gesagt, machen muss. Denn auf der Gegenfahrbahn wird teilweise riskant ausgeschert, sodass man keine andere Wahl hat, außer Platz zu machen.
Nach langer Fahrt nähern wir uns Gdynia. Uns empfängt ein wildes Sammelsurium an Werbebannern, Transparenten und Schildern. Für Imbisse, Werkstätten, Autohändler, Massagesalons und Supermärkte.
Es folgen die Plattenbauten. Teilweise bunt und neu, teilweise übel abgerockt. Wir nehmen die Abfahrt nach Gdansk und nähern uns in großen Schritten.
Am Tag davor verstarb Günther Grass. Wir fragen uns was und in Gdansk, seiner Geburtsstadt, erwartet.

Zuerst erwarten uns Häuserschluchten. Durchs Tal fahren wir in die Stadt hinein und die Trabantenstädte türmen sich um uns in die Höhe. Nach kurzer Zeit zwischen Beton und Platte kann man die ersten Backsteintürmchen der Rechtsstadt zwischen den tristen Bürogebäuden sehen. Eine krude Mischung.
Wir fahren wie das Navi es möchte in die Rechtsstadt hinein. Auf den Pflastersteinen wird es ungemütlich, wenn nicht sogar unmöglich noch weiter zu fahren. Kleine Gassen mit Schildern, die die Durchfahrt verbieten werden zum Labyrinth. Als wir kurz vorm Verzweifeln sind, kommt uns ein Polizeiwagen mit ausgestreckter Kelle entgegen. Vor 30 Jahren hätten wir mit den Bananen in der Ablage vielleicht noch punkten können. Wir erklären, dass es uns wirklich sehr leid tun und wir unser Hotel suchen. Der Polizist setzt sein strenges Gesicht ab, lacht und befiehlt ihm zu folgen. So wurden wir mit Blaulicht, aber ohne Sirene zum Hotel eskortiert.
Der Parkplatz befindet sich hinter dem Hotel und ist unbewacht. Zugegeben, nicht ganz. Eine Horde Katzen scheint den Parkplatz voll im Griff zu haben und lümmelt dort faul herum. Uns ist etwas mulmig, doch wir beruhigen uns schnell. Denn neben uns parken zwei Mercedesse (Mercedi? Merceden?) und wir hoffen einfach, dass die größeres Interesse wecken, als unser Kangoo. Man kann die ersten Patrizierhäuser und die Marienkirche sehen. Wundervoll.

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Wir checken ein und das Zimmer ist wundervoll groß und geräumig. Das Toilettenpapier ist flauschig und ab 3 Sternen hat man wohl Anspruch auf eine Klobürste!
Plötzlich wildes, polnisches Gerufe. Auf dem Parkplatz streift die Crazy Cat Lady herum und serviert den Katzen das Mittagessen. Sie haben den Parkplatz wirklich im Griff.
Die Neugier und der Hunger treiben uns raus in den Regen. Die Straßen sind wie ausgestorben. Auch hier gibt es keine richtige Einkaufsstraße und wir finden uns für einen kleinen Lückenfüller in einer Mall wieder. Auf dem Weg dorthin haben wir aus Versehen schon fast alles gesehen.
Die Häuser sind nach dem Krieg teilweise mit Backsteinen, teilweise nur mit buntem Beton wieder hochgezogen worden. Guckt man auf Augenhöhe sind die meisten Häuser hübsch hergerichtet. Schaut man nach oben, sieht man viel Leerstand und zersprungene Fensterscheiben. Alles wirkt wie eine Filmkulisse. Auch weil im April scheinbar noch niemand hier ist. Im Sommer ist hier wohl einiges los. Auf den Straßen herrscht Leben. Noch wird gefegt.
Doch im Regen stehen trotzdem Studenten mit Speisekarten in den Händen und versuchen einen in das Restaurant zu locken, für das sie werben. Da wir das ziemlich anstrengend und nicht unterstützenswert finden, stranden wir beim Alanya Kebab. Wir hoffen, dass die Kunde des guten berliner Döners sich bis hier hin verbreitet hat und bleiben auf eine Dönertasche mit Gabel, Weißkohl und saurer Gurke. Ich schaue an die Wand zu meiner Linken. Lukas P. und Mesut Ö. schauen auf mich herab. „Lukas Podolski und Mesut Özil sind beeindruckt: Es schmeckt wie in Deutschland!“ Na dann. Können Mesuts Augen lügen?
Erschöpft kehren wir ins Hotel zurück und versinken in die viel zu weichen Matratzen. Jetzt wo es dunkel wurde, überkommen uns Zweifel. Ist das Auto sicher? Sollen wir es lieber zu dem bewachten und teuren Parkplatz bringen? Wollten wir die Klischees nicht eigentlich hinter uns lassen? Grübelnd schlafen wir ein.

Hier gehts zu Tag 1
Hier gehts zu Tag 2

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