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Nazis. Nazis. Nazis. Aber warum? Eine (ost-) deutsche Leidensgeschichte.


„Nach der Wende hat sich alles geändert. Ich habe in der Automobilindustrie gearbeitet. Hab mich bis zum Schichtleiter hochgearbeitet. Ich war anerkannt und hatte was zu sagen. Dort habe ich auch meine Ex- Frau Petra kennen gelernt. Sie hat dort im Betriebskindergarten gearbeitet. In der Kantine haben wir uns dann kennen gelernt. Es folgte die Hochzeit, die erste gemeinsame Reise in die UDSSR und 1987 dann die Geburt unseres Sohnes Rico. Dann die Wende. Wir haben die Bilder damals im Fernsehen gesehen. Aber was sie für uns bedeuten würde, das war uns nicht klar. Wir fuhren nach Bayern zu Petras Familie und genossen die neue Freiheit. Doch Sachsen sollte unser Lebensmittelpunkt bleiben. Hier hatten wir unsere Arbeit und unsere Freunde. Rübermachen kam nie in Frage. 
Doch schon wenige Jahre nach dem Mauerfall begann sich alles zu ändern. Unserer Firma ging es nicht gut. Keiner wollte mehr ostdeutsche Mobile fahren. Alle wollten einen Volkswagen. Infolgedessen wurde unser Werk von einer westdeutschen Firma aufgekauft. Von Umstrukturierung wurde uns zwar erzählt, jedoch sollten alle ihren Arbeitsplatz behalten können. Aufgrund der neuen Struktur bekam ich einen Vorgesetzten. Einen Italiener. Jung und studiert. Ich sagte, dass man für die Handgriffe am Fließband ja wohl nicht studiert sein müsste. Nein, ich mochte ihn nicht. Mit seiner Überheblichkeit und Arroganz. Der junge Spund aus Schießmichtot will mir, einem gestandenen Mann, erklären wie man Autos baut! Eine Unverschämtheit. Noch dazu kamen die ganzen neuen Geräte. Wie sollte ich das je noch lernen. Mit den alten ging es doch auch! Ich kam mit der Technik nicht mit. Mehrmals sagte der Italiener zu mir, dass das ja nicht so schwer sein könne und wurde aufbrausend. 
Den Stress konnte ich schlecht ertragen. Ich blieb abends länger in der Kneipe und kam spät heim. Damit begann auch der Ärger mit Petra. 
Zuerst wurde die Betriebs- KiTa geschlossen. Einsparmaßnahmen waren der Grund dafür. In der DDR hätte es sowas nicht gegeben. Es gab dort keine Arbeitslosigkeit. Und wenn die Betriebsstätte hätte geschlossen werden müssen, dann wäre man anders untergekommen. Petra blieb nun daheim bei Rico. In seiner Schule gab es keine Nachmittagsbetreuung und kein Mittagessen. Darum mussten wir uns kümmern. 
Somit musste ich für uns drei das Geld verdienen. Ich legte Sonderschichten ein. Kam noch später nach Hause und brauchte noch mehr Bier um runterzukommen. Es brach nun fast täglich Streit aus. Es wurde laut und aggressiv. Was Rico davon mitbekam kann ich nicht sagen. 
In der Firma arbeiteten immer mehr Ausländer. Von überall kamen sie her, sahnten das Geld ab und brachten es heim zu ihren Familien. Die machten sich mit dem Geld einen Bunten und wir, die Deutschen, krebsten mit unserem bisschen rum! 
Viele der Einheimischen und Alteingesessenen verließen selbst das Werk um rüberzumachen. Das kam natürlich Recht. Denn die Ausländer und Jungen waren günstiger. 
Mitte der Neunziger schloss das Werk dann ganz. Woanders war es günstiger. 
Noch immer wohnte die große Mehrheit des Werkes in unserer Stadt. Mit einem Mal war also ein Viertel der Stadt arbeitslos. Daraufhin verließen wieder viele Familien die Stadt. Geschäfte schlossen. Häuser standen leer. 
Nach einem erneuten Streit packte Petra Rico und ihre Sachen und zog aus. Es machte doch alles keinen Sinn mehr. Nur die Ausländer. Die haben immer wie die Maden im Speck gelebt. Prost.“ 

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„Als meine Eltern sich getrennt haben, bekam ich alles mit. Die Streits, das Geschrei, die Prügel. Irgendwann sind wir ausgezogen. Seitdem habe ich ihn nie wieder gesehen. Will ich auch nicht. Ich hab dem Nichts zu sagen. Damit wir überleben konnten, putzte meine Mutter und arbeitete im Supermarkt an der Kasse. Wenn ich heim kam, musste ich mir nun selbst etwas zu essen machen und mich um meine Hausaufgaben kümmern. Das interessierte mich aber nicht. Meistens ging ich mit zu Mirko nach Hause. Da gab es Essen und wir durften an alten Autos rumschrauben. Oft kamen Freunde von Mirkos Vater zu Besuch. Meistens auf ihren Motorrädern. Viele hatten starke Tattoos und sahen gefährlich und interessant aus.
Meine Mutter machte immer Stress wegen Schule und sowas. Also kam ich kaum noch nach Hause. Mirkos Vater organisierte Ferienfreizeiten und Feste für uns Kinder. Auch zum Fußball nahm er uns mit. Dort lernten wir wie man sich als Deutscher zu verhalten hat. Wir marschierten und spielten Kriegsspiele. Machten selbst Feuer genossen das Beisammensein. Die Kameradschaft. Alle für einen. Einer für alle. 
Einmal nannte mich Mirkos Vater einen echten Arier. Ich war sehr stolz. Das war auch der Abend an dem er uns zum ersten Mal mit in seiner Stammkneipe nahm. Ich war schon stark betrunken, als wieder Heim fuhren. Da war dieser Kanacke, der uns so anstarrte. Ich zog ihm meine Flasche über den Kopf! Mirko und sein Vater johlten. Ein aufrechter Kamerad sei ich. 
In der Schule ließ ich mich kaum noch blicken. Ich fühlte mich dort eh wie ausgeschlossen. Mein Leben fand woanders statt. Was sollte ich dort auch lernen! Hier gab es doch ohnehin nichts. Für jede Arbeit musste man kilometerweit fahren. Hier gab es nichts. Als hätte man uns vergessen. Alle reden nur über die anderen. Unsere Kinder haben keine KiTa- Plätze, keine Arbeit. Aber die Ausländer! Um die wird sich gekümmert.“

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„Rico war immer ein guter Junge. Vielleicht hatte ich nie genug Zeit für ihn. Wegen der vielen Arbeit. Aber irgendwo musste das Geld ja her kommen. Vielleicht hat ihm auch einfach eine Vaterfigur gefehlt. In der Pubertät wurde es richtig schlimm. Ich erreichte ihn kaum mehr. Irgendwann kam er kaum noch nach Hause und wenn, dann schloss er sich in seinem Zimmer ein und drehte die Musik auf. Landser. Das hörte er immer. Es hingen komische Fahnen in seinem Zimmer und viele eiserne Kreuze hatte er auf die Tapete gemalt. Anfangs war er noch oft im Jugendzentrum unterwegs. Doch dann wurde das geschlossen und Mirko kam in seine Klasse. Viele seiner anderen Freunde zogen weg. Doch Mirko blieb. Und damit verlor ich meinen Sohn. Er war doch immer ein guter Junge.“ 

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Dies ist das ausgedachte und überspitzte Beispiel einer ostdeutschen Familie vor und nach der Wende 1990. 
Wir haben in Deutschland ein Nazi- Problem. Keine Frage. Es beschränkt sich auch nicht nur auf den Osten, auch im Westen haben viele Familien etwas Ähnliches erlebt. Ein Grunddeutsches Phänomen ist für mich die Missgunst. Das Gefühl, dass alle viel mehr vom Kuchen bekommen als wir selbst. Und dies sehen wir in Regionen, in denen die Wirtschaft nach und nach einbrach, vermehrt.DIE bekommen ja alles hinterher geworfen und nehmen UNS die Arbeitsplätze weg. Es wird berichtet aus Landstrichen, in denen seit der Wende nichts passiert ist. Betriebe schlossen, Menschen zogen weg. Es findet teilweise keine Kultur statt. Kultur ist ein Mittel zum Austausch, zum Kennenlernen und zum Verständigen. Das findet dort wenig bzw. nicht statt. Die Menschen dort sind frustriert und leben teilweise von der Hand im Mund. Und dann kommen dort Asylsuchende in ihre Stadt und die haben Sachen, die sie und ihre Kinder sich nicht leisten können. Ob die Sachen gespendet und schon von wem anders totgetragen wurden, ist egal. Auf der Hose steht „G- Star“. Warum kann dieser Typ sowas haben und sie nicht? Warum kümmern sich jetzt alle um diese Menschen und um kümmert sich hier niemand? Und haben wir nicht an Papas Stammtisch gehört, dass die da alle Frauen vergewaltigen und Kinder essen? 
Und wenn der einzige Fußballverein von einem frustrierten Nationalisten trainiert wird, welche Chance hat das Kind dieser Ideologie nicht zu verfallen? Den Fußballverein kann man auch ergänzen durch KiTas und ihre Erzieher, Jugendzentren und allen anderen Orten an denen Kinder zu Erwachsenen aufblicken. 
Die Politik weiß um den Missstand. Man sieht die rechten Tendenzen seit Jahren steigen. Doch es passiert nichts. Die Aufklärung durch Aktivisten, die vorne an der Tafel was erzählen, kommt nicht gegen das an, was die Kinder und Jugendlichen von den Bezugspersonen lernen. 
Da hat die Politik ganz doll verpennt und nun haben wir den Nazi- Salat. Dieses Problem ist ein hausgemachtes. Es hätte früher erkannt werden können, wenn man denn gewollt hätte. 

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