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Du siehst gar nicht so irre aus.


Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Wartezimmer von Neurologen und Psychiatern immer wohnlich aussehen. Mit kleinen Sofas, Lampen mit Quasten oder Fransen oder sogar wie hier mit einer Anrichte mit Klappe aus Kirschholz. Schnapsschrank habe ich sowas immer genannt. Auf dem Schnapsschrank stehen Wassergläser.
Das Oma- Trudes- Wohnzimmer- Ambiente inklusive Geruch beruhigt mich kein Stück weit. Denn ich bin aufgeregt und kann meine Gedanken nicht sortieren.

Aus dem wohnlichen Wartezimmer geht es ins antiseptisch riechende Behandlungszimmer.

„Sie haben also was mit der Hand.“, sagt der alte und bärtige Arzt und setzt sich. Er holt einen Stift aus seiner Kitteltasche und notiert das Datum in meine Karteikarte.

„Nein. Nicht ganz. Ich habe Angst. Aber klingt ja auch ähnlich.“, sage ich.

„Wie meinen Sie das?“, fragt er und lehnt sich im Stuhl zurück.

„Mir wurde vor Jahren eine Angststörung diagnostiziert und…“

„Also ich sage Ihnen gleich, viele Wissenschaftler sind sich einig: Es gibt keine Angststörung, nur Personen, die sich mehr fürchten als andere.“

„Wie dem auch sei. Mir geht es wieder schlechter, was sich auf mein Privat- und Berufsleben auswirkt und ich würde gerne wieder Medikamente nehmen. Zum Übergang bis ich einen Therapieplatz habe.“, sage ich und rutsche unruhig auf dem Stuhl herum.

„Ich sage Ihnen was, ich kann Ihnen nicht helfen. Heute ist mein letzter Arbeitstag vor der Rente.“

Warum hat man mir dann überhaupt einen Termin gegeben? 1,5 Stunden saß ich im Wartezimmer, nur um mir das erzählen zu lassen?

„Aber Sie könnten mich wenigstens anhören. Ich habe ja schon Erfahrungen mit Medikamenten und weiß was mir hilft. Mein Hausarzt darf mir nichts verschreiben. Darum sollte ich zum Psychiater gehen und Sie sind einer.“

„Hausarzt…“,  murmelt er und umkringelt dessen Namen in meiner Karteikarte.

„Ja, also mit Citalopram…“

„Sie kommen hier rein und packen sich selbst in eine Schublade. Angststörung!“

Knall. Er haut mit der Faust auf eine Kommode, die hinter ihm steht.

„Bestimmt auch noch furchtbare Kindheit.“

Knall. Das Bild von Papst Ratzinger wackelt bedenklich auf der Kommode.

„Und dazu vielleicht noch Alkoholabhängiger Vater.“ Knall.

„Mein Vater trinkt seit Jahrzehnten nicht, Sie kennen mich doch gar…“

„Ich kenne Sie doch gar nicht und was wollen Sie von mir?“

„Das hab ich ja schon erklärt. Ich gehe auch bald ins Praktikum und will dafür emotional stabil…“

„Was machen Sie beruflich?“

„Ich gehe ins zweite Halbjahr in der Ausbildung zur sozialpädagogischen Assistentin.“

„Wie alt sind Sie?“, erst jetzt bemerke ich, dass er meine Karteikarte schon weg gelegt hat.
„Sechsundzwanzig sind Sie! Warum sind Sie so spät dran mit der Ausbildung ?“

Mit der salzigen, ganzen Hand einmal rein in die kaum verschorfte Wunde.

„Ich hab mit achtzehn Jahren eine Ausbildung zur Ergotherapeutin angefangen und nicht beendet wegen der Angst…problematik, die aufkam und nun fange ich nochmal neu an.“

„Sie müssen wissen und sich gut überlegen, ob das sinnhaftig ist. Ein Dachdecker darf keine Höhenangst haben. Was nützt ein Chirurg, der kein Blut sehen kann? Sie verstehen doch was ich meine…“
Und nun mit Anlauf in die andere Wunde noch mal rein und immer ordentlich drehen den salzigen Finger.

„Ich bin Klassenbeste und weiß was ich da tue.“

„SO UNPROFESSIONELL! Das sag ich Ihnen auch für Ihren Beruf. Wie Sie sich da in Schubladen packen, machen Sie das später auch so, werden Sie keinen Erfolg haben!“

Schnapp. Da höre ich eine, meine, Hutschnur platzen.

„Ich sehe schon, wir kommen hier nicht zusammen und ich muss mich hier…“

„Setzen Sie sich!“

„Nein! Frohe Weihnachten!“

Ich erzähle die Geschichte einem Freund und brülle dabei gegen den Wind an, der in unsere Kapuzen pfeift.

„Davon abgesehen, dass der Typ ein Idiot ist, siehst du aber auch nicht psychisch krank aus.“

Ich bleibe stehen.

„Wie sieht ein psychisch Kranker denn aus? Zuckende Augen, deformierter Rücken und Sabber in den Mundwinkeln?“

„Ja, nein. Hast ja Recht. Andere spielen täglich auf den verschiedensten Bühnen Deutschlands und sehen glücklich aus. Dabei haben Sie Panikattacken. Hätte bei Nicholas Müller auch niemand gedacht.“

——

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass nur Leute, die selbst von irgendeiner psychischen Erkrankung betroffen sind, erkennen, dass ich einer von ihnen bin.
Viele sind völlig überrascht oder  entgeistert,wenn ich erkläre, warum ich manche Sachen nicht machen kann. Wenn ich erkläre, dass ich in einen Bus nicht einsteige, weil er mir zu voll ist, gucken mich meine rund 18- jährigen Schulkameraden komisch an und lachen aus Ratlosigkeit. Wiederum andere vergessen auch, dass da was mit mir ist. Weil ich diese perfekte Maske habe, die öffentlich nicht bröckeln darf. Nicht auszuhalten sich vorzustellen, dass sie das tut.
Diese Maske aufrecht zu erhalten, ist so anstrengend, dass ich privat keine Kraft mehr dazu habe. Dann kann ich mich nicht mehr verstellen, so schwer das für mir nachstehende Personen auch ist.
Die Möglichkeit das perfekte Schauspiel hinzulegen, ist mir Gold wert. Sie sichert mein Überleben da draußen. Doch wenn ich wirklich Hilfe brauche, erkennt das kaum jemand. Wer guckt einem schon in die Augen?
Dann sieht es plötzlich so aus, als bräuchte ich Aufmerksamkeit. Als würde ich das alles nur erfinden, um mich vor mir unangenehmen Situationen zu schützen. Und dann wird es schmerzhaft.
Dann fühlt man sich so unglaublich unverstanden.

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