Ein Kommentar

Nachtgedanken: Populärmusik.

Liebes Leben,

heute habe ich mich gefragt, wie Jugendliche zu kritischen Menschen, die hinterfragen und reflektieren heranwachsen sollen, wenn es in den allermeisten populären Charts Songs darum geht Crazy Kids zu sein (http://www.viva.tv/news/31068-videopremiere-ke-ha-crazy-kids) und verkatert aufzuwachen, aber das derbe cool zu finden (http://www.tape.tv/musikvideos/Taio-Cruz-feat-Flo-Rida/Hangover). Ich finde es auch gut, Sex zu haben, besoffen und schick angezogen zu sein. Aber das was da durch den Äther gerauscht kommt, spiegelt doch eine beschissene und total banale Realität.
Früher war ja alles besser.

Advertisements
Ein Kommentar

Alltagsrassismus.

„Hallo. Könnten Sie mir… ach nee, ich frage lieber Sie.“ Wir befinden uns in einem Möbelhaus. Die Kundin richtet die Frage an meinen Kollegen, sieht mich und stellt ihre Frage lieber an mich. Mein Kollege ist dunkelhäutig und ich bin so hell, dass ich fast reflektiere. Das ist keine Ausnahmesituation. Das passiert öfter. Mal so auffällig wie hier und mal weniger auffällig. Im Falle von heute so auffällig, dass ich 2 Stunden lang wütend war.
Ein Mann kommt ganz gehetzt und genervt auf mich zu.
„Sie haben da hinten so eine Plane und ihr Kollege da kann ja kaum deutsch. Keine Ahnung was der mir da erzählt hat! Versteht man ja kein Wort, wie man sowas einstellen kann! Jedenfalls schickt er mich hier her, hat ja auch keine Ahnung der Typ und jetzt will ich die haben.“
„Hallo erstmal. Weißt du was über so welche Planen, ich weiß sowas ja nicht.“
Mein Kollege kommt von der Leiter und dem Mann wird sichtlich unwohl.
„Wissen Sie, dass Sie meinen Kollegen nicht verstanden haben, tut mir leid, aber er hat es immerhin versucht und gut gemeint. Die Planen finden Sie vor den Kassen.“
„Sie brauchen nicht eingeschnappt zu sein, weil ich das gesagt habe. Ich bin nur sauer, dass ich hier so rumgeschickt werde! Das ist alles meine Zeit!“

Vor ein paar Wochen haben wir darüber gesprochen bei solchen Ansprachen die Beratung abzulehnen. Ich ärgere mich noch immer es nicht gemacht zu haben. Mein Kollege hat alles richtig gemacht in dieser Situation. Warum es nur immer dazu kommen muss, ist mir schleierhaft.

Hinterlasse einen Kommentar

Literatur im Januar

Gelesen im Januar. Mit Klick auf das Bild gelangt ihr sofort zur Amazon- Seite des Buches.

Tschick – Wolfgang Herrndorf

Image

„Mutter in der Entzugsklinik, Vater mit Assistentin auf Geschäftsreise: Maik Klingenberg wird die großen Ferien allein am Pool der elterlichen Villa verbringen. Doch dann kreuzt Tschick auf. Tschick, eigentlich Andrej Tschichatschow, kommt aus einem der Asi-Hochhäuser in Hellersdorf, hat es von der Förderschule irgendwie bis aufs Gymnasium geschafft und wirkt doch nicht gerade wie das Musterbeispiel der Integration. Außerdem hat er einen geklauten Wagen zur Hand. Und damit beginnt eine Reise ohne Karte und Kompass durch die sommerglühende deutsche Provinz, unvergesslich wie die Flussfahrt von Tom Sawyer und Huck Finn“
Klappentext

Nicht der beste Roadtrip- Roman, den ich je laß. Dem Ganzen fehlt es an Tempo. Trotzdem ist kein Rotz. Es ist einfach nur etwas blass. Man kann es lesen, muss aber auch nicht. Es ist so eines der Bücher, die man schnell wieder vergisst. Es wird Zeit, dass ich lerne, Bücher aus der Hand zu legen, die mich langweilen.

Die Vermessung der Welt – Daniel Kehlmann 

Image

„Gegen Ende des 18. Jahrhunderts machen sich zwei junge Deutsche an die Vermessung der Welt. Der eine, Alexander von Humboldt, kämpft sich durch Urwald und Steppe, befährt den Orinoko, kostet Gifte, zählt Kopfläuse, kriecht in Erdlöcher, besteigt Vulkane und begegnet Seeungeheuern und Menschenfressern. Der andere, der Mathematiker und Astronom Carl Friedrich Gauß, der sein Leben nicht ohne Frauen verbringen kann und doch in der Hochzeitsnacht aus dem Bett springt, um eine Formel zu notieren – er beweist auch im heimischen Göttingen, dass der Raum sich krümmt. Alt, berühmt und ein wenig sonderbar geworden, treffen sich die beiden 1828 in Berlin.“
Klappentext

Ja, toll geschrieben, tolle Abenteuer, aber wo zum Teufel bleibt die Action?
Ein Buch, komplett in indirekter Rede verfasst, begegnet einem nicht oft und nicht so gut. Man hat das Gefühl mit den Abenteurern im Boot oder mit dem verschrobenen Mathematiker in der Kutsche zu sitzen. Man hat aber auch das Gefühl, dass die Welt zum Gähnen langsam und langweilig ist, weil wirklich Spannung so nicht aufkommen kann. Abartiger Sex oder wenigstens eine Leiche hätten dem Buch gut getan.

Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry – Rachel Joyce

jkj

„Eigentlich wollte er nur zum Briefkasten. Dann geht er 1000 Kilometer zu Fuß.
Ein unvergesslicher Roman, der die ganze Welt erobert.
»Ich bin auf dem Weg. Du musst nur durchhalten. Ich werde Dich retten, Du wirst schon sehen. Ich werde laufen, und Du wirst leben.« Harold Fry will nur kurz einen Brief einwerfen an seine frühere Kollegin Queenie Hennessy, die im Sterben liegt. Doch dann läuft er am Briefkasten vorbei und auch am Postamt, aus der Stadt hinaus und immer weiter, 87 Tage, 1000 Kilometer. Zu Fuß von Südengland bis an die schottische Grenze zu Queenies Hospiz. Eine Reise, die er jeden Tag neu beginnen muss. Für Queenie. Für seine Frau Maureen. Für seinen Sohn David. Für sich selbst. Und für uns alle.Ein ganz außergewöhnlicher und tief berührender Roman – über Geheimnisse, besondere Momente und zufällige Begegnungen, die uns von Grund auf verändern. Über Tapferkeit und Betrug, Liebe und Loyalität und ein ganz unscheinbares Paar Segelschuhe.“
Klappentext

Wie großartig dieses Buch ist. Harold macht genau das, was wir alle doch irgendwann mal machen wollten. Er läuft einfach los. So wie er ist. Eigentlich will er nur einen Brief zum Briefkasten bringen und plötzlich befindet er sich auf einer Reise durch England. Ich will, dass es nie zu Ende geht. Und ich will jetzt loslaufen.
Manchmal driftet Rachel Joyce in esoterische Sphären ab. Sie will uns alle vom Pilgern überzeugen, aber wir bleiben hart!

Hinterlasse einen Kommentar

Musicalmetropole Hamburg.

Nachdem diese Woche das zweifelhafte  Boxballet „Rocky“* in dieser Stadt startete, wurde auch bekannt gegeben, dass in den Großmarkthallen ein weiteres Musical- Theater entstehen soll.  Ein Hort der maskierten Inhaltlosigkeit. Und als wäre das nicht alles schon genug, wird neben dem König der Löwen- Theater gerade noch ein weitere Spielstätte für Menschen mit adultem ADHS hochgezogen.
Im Gegensatz zur Elbphilharmonie besteht hier kein Zweifel, dass der Bau niemals abgeschlossen wird. Die Stadt Hamburg hat damit ja zum Leidtragen von Musikliebhabern nichts zu tun. Stage, welches die Musical- Hütte baut, steht wohl auch für den Bau und den Betrieb der Seilbahn vom Hafen nach Wilhelmsburg für die Bundesgartenschau in der Verantwortung. Weil die Stadt Hamburg diesen Irrsinn ebenfalls nicht unterstützen wollte (Quelle: Mann in der U- Bahn).
Wohnen wir denn in einem Freizeitpark? Ist unser Leben so traurig, dass wir unbedingt so bunt wie möglich amüsiert werden müssen?
Busse mit wildgewordenen, thüringischen  Mittvierzigern, die in Bespielungslaune sind, werden also weiterhin ein häufiges Bild in dieser Stadt sein. Betrunkene Krawallfrauen mit Entertainmentdurst. Thomas Gottschalk, wo sind Sie? Das ist Ihre Zielgruppe, die verloren durch das Land pilgert!

Zum Schluss noch einige Worte von Heinz Strunk, denen es nichts mehr hinzuzufügen gibt:

„Musicals. […]Künstlich aufgeblasener Zinnober für die dümmsten der Dummen. Ein Feuerwerk aus [Irgendwas unverständlichem]. Kultur für Kleinbürger. Aber sollen sie doch! Denn die PARTEI hat sich Toleranz auf ihre Fahne geschrieben. Aber es geht hier zur Abwechslung nicht einmal um die PARTEI oder irgendwelche antiquierten Tugenden, sondern um Hamburg. Und es kann ja wohl nicht ernsthaft Interesse einer Weltstadt sein, dass täglich abertausende grotesk kostümierte Provinzler in maroden Reisebussen durch unser schönes Hamburg gestreut werden. Und nichts als umgekippte Aschenbecher und Schuppen hinterlassen. Zyklopen mit Eier- und Wasserköpfen, aufgequollene Knallfrösche, bucklige Trolle und dürre Eumel pissen in die Alster und lachen sich dabei tot. […] Dies ist keine Demagogie, sondern bittere Realität der Nullerjahre. Wir machen uns lächerlich. Die Gespötter der Republik, die Kasper der Nation. Die PARTEI fragt: Wer war denn als erstes da, die rote oder die neue Flora? Eben deshalb die logische  Schlussfolgerung: Die Neue Flora wird der roten untergeordnet und als Stadtteiltreff endlich einer sinnvollen Verwendung zugeführt. Und das Musicaltheater zieht um in den ehemaligen Atombunker am Hachmannplatz unter dem Hauptbahnhof. Dort können die Darsteller endlich beweisen, dass sich auch mit eingeschränkten Möglichkeiten eine gute Show auf die Beine stellen lässt!“
Heinz Strunk

*Rocky- Das Musical: Junge aus ärmlichen Verhältnissen will Baletttänzer werden. Der Vater überzeugt ihn, an einem Zumba- Kurs teilzunehmen. Als er mittelalte Frauen von seinem jugendlichem Körper fernzuhalten versucht, bemerkt er sein Talent fürs Boxen. Er wurde bekannt als die „Tanzende Faust“.

Quellen: http://www.abendblatt.de/kultur-live/buehne/article111037435/Hamburg-bekommt-fuenftes-Musical-Theater.html
http://www.stage-entertainment.de/unternehmen/news/toi-toi-toi-fuer-neues-stage-musicaltheater-im-hafen.html?detected

7 Kommentare

Fürs Protokoll

„Das Herz beginnt zu rasen und spätestens dann sitzt in dem Kopf so ein Kobold. Er sitzt da, irre lachend und verursacht unerträgliche Angst, dass man jetzt gleich stirbt.

Ich könnte niemals sagen “woran” genau ich dann sterben würde. Aber ich weiß, es ist todesangst. Jedes Mal. Jedes verkackte Mal sitzt der Kobold in meinem Gehirn und gaukelt mir vor, dass das jetzt gleich die letzten Sekunden meines Lebens sind.

Mein Körper reagiert, wie alle Spezies in dieser Situation. Er kommt noch mehr in Fahrt. Mein Herz rast und ich komme locker auf 190 Herzschläge die Minute, was weder gesund noch förderlich ist. Alles um mich herum wird so laut, bis ich fast gar nichts mehr hören kann außer einem unerträglichen Rauschen. Zudem muss ich mich dann entweder übergeben oder mich anderweitig von meinem im Körper befindliches Resten entledigen. Möglichst schnell.“

So beschreibt Die Mutti ihr Empfinden einer Panikattacke. Ich kenne es nicht genauso, denn jedes Symptom ist genauso unterschiedlich wie deren Halter.
Gestern war mein Godzilla wieder da und die Japaner in meinem Kopf liefen schreiend umher. Und er trampelte und rastete aus. Kurz vor meinem ersten Arbeitstag seit 2 Jahren. Aus dem Nichts. Eben war noch alles gut. Ich trug meine Arbeitskleidung und beim Herunterdrücken des Toasterhebels zog sich plötzlich mein Magen zusammen. Ich konnte nicht mehr richtig atmen. Hätte ich tief eingeatmet, wäre es zu spät gewesen. Godzilla hätte sich aufgebäumt. Ich griff zum Telefon und rief meinen Betreuer an. Es ist Samstag. Er hat für mich in seiner Freizeit eine Alarmbereitschaft eingerichtet. Wenn es losgehen sollte, kommt er vorbei, zieht mich aus der Wohnung und bringt mich zur Arbeit. Er mache sich auf den Weg, sagte er. In dem Moment, als ich auflegte war es vorbei. Aus mir stürzten die Tränen.
Ich versuchte zu atmen, stehen zu bleiben, nicht zusammen zu sacken. Anruf bei der Mutter. Sie solle was Gutes sagen, sage ich. Das tat sie. Bekam sie doch früher die gleichen Anrufe von meinem Vater. Verkackte Vererbung.
Als ich wieder atmete, musste ich mich bewegen. Ich lief zum Bahnhof, passte meinen Betreuer ab und ging voller Scham neben ihm her. Anderen Leuten passiert sowas nicht.
Der Arbeitstag lief gut.

„Und war die Angst berechtigt?“
„War es den Aufstand wert?“
„Hat man dir den Kopf abgerissen?“

Fürs Protokoll: Fragen wie diese sind demütigend. Ich mache das doch nicht aus Spaß an der Freude und weil ich es super individuell finde, für einige Minuten aus dem Nichts das Gefühl habe, zu sterben.
Ich weiß doch, dass die Angst nicht berechtigt ist. Sonst wäre es keine Krankheit. Ich bin wohl in der Lage Realität und Wahnsinn zu trennen. Nur manchmal ist da ein Fehler im System. Irgendwas brennt da oben durch und Godzilla feiert eine fette Party. Das macht keinen Spaß. Das macht verdammt wütend. Und verdammt traurig. Genau wie oben genannte Fragen.
Danke.

Hinterlasse einen Kommentar

Auf Opa Horst! Auf das Leben!

Heute vor 9 Jahren ist Opa Horst gestorben. Er war einer von den Guten.
Sein Leben lief alles andere als geradlinig. Kurz vor Ende des Krieges wurde er in Geesthacht geboren. Sein Vater verstarb irgendwo in Polen. Beim Kacken von einer Granate erwischt.
Über seine Jugend weiß ich nichts. Irgendwann lernte er meine Oma kennen, begann zu trinken. Fuhr sein erstes Auto kaputt, kaufte eine Stunde später das gleiche nochmal.
Dann verbrachte er die Kindheit und Jugend meines Vaters in Kneipen, haute aus der Entzugsklinik ab. Als er dann nach Berlin zog, hat er den Absprung geschafft. Er war nun Hausmeister in dem Haus, in das wir später einzogen. Bei Oma und Opa gab es immer Milchschnitten. Ganz oben im Kühlschrank. Wurde mir langweilig spielten Opa und ich Tipp- Kick oder ich durfte mich in Opas weißen Mercedes setzen und Auto fahren spielen.
Mit dem Fahrrad fuhr er mit mir durch den Tiergarten, an der Spree entlang, am Zoo vorbei. Ich liebte das Geräusch, wenn er im Herbst welke Blätter überfuhr. Oft besuchten wir meinen Vater dann auf Baustellen oder aßen Eis. Das waren schöne und viel zu seltene Augenblicke.
Als ich in die Grundschule ging, zogen meine Großeltern zurück in die Nähe von Uelzen. Wir übernahmen deren Wohnung und die Hausmeisterstelle. Es folgten viele Streits, häufiger Kontaktabbruch. Nach 2 Jahren rief Opa bei uns an. Ich war allein zu Haus und gemeinsam weinten wir am Telefon als wir uns nach Jahren wieder hörten.
Als ich meine Grundschule abschloss, beschlossen meine Eltern meinen Großeltern in die Heimat meines Vaters zu folgen.
Mit 12 Jahren habe ich in Opas Benz Auto fahren gelernt. Meine Oma verbot ihm irgendwann mir Geldscheine mitzubringen. Also brachte er immer eine Hemdtasche voll Kleingeld mit. Er liebte meine Ohren. Denn im Gegensatz zu seinen, standen sie gar nicht ab. Er war immer stolz auf mich, egal was ich getan habe. Er nannte mich „Sein Mädchen“. Zum Sonntagsessen hat er immer den Nachtisch gemacht. Quarkspeise mit Heidelbeeren. Wenn keiner hinguckte, kippte er Mandelaroma mit rein. Seine Geheimzutat. Quarkspeise, sagte er, sei das einzige, was er kochen könne.
Dann gab es wieder Streit. Wieder sah ich ihn lange nicht. Und dann der Anruf. „Horst ist tot.“. Aufgelegt. Widerwillig wurden mein Vater und ich zur Beerdigung eingeladen. Meine Mutter nicht. Sie fand drei Tage vor meinem Geburtstag statt. Wir gingen nicht hin. Nie hatte irgendeiner meiner Verwandten meinen Opa unterstützt, ihn immer für einfach gestrickt gehalten. Sie waren sauer auf mich, weil ich als einzige erbte. Seine Lebensversicherung. Den Rest, den meine Großmutter gelassen hatte. Wir wollten nicht mit diesen Menschen trauern. Daher wissen wir bis heute nicht wo er wirklich beerdigt wurde. Lange habe ich darunter gelitten, geweint, geflucht. Heute ist es okay. Ich brauche keinen bestimmten Ort um traurig zu sein, um weinen zu können. Ich weine einfach hier. Um ihn, um die Zeit, die ich gerne mit ihm gehabt hätte. Bis heute darf im Haus meiner Eltern keine Quarkspeise mehr hergestellt werden.
Auf Opa Horst. Auf das Leben!

Ein Kommentar

WARUM HEIRATEN DENN JETZT ALLE?

Die beste Freundin aus meiner Kindheit und auch meine längste Freundin hat geheiratet. Einfach so.
Ich erinnere mich daran, dass wir voller Wut im Garten meiner Eltern Federball spielten und uns sicher waren, nie heiraten zu wollen. Sie war wütend auf ihre geschiedenen Eltern, ich war wütend auf meine, weil sie sich einfach nicht scheiden lassen wollten.

Sie ist schon die zweite meiner Bekannten, die innerhalb der letzten zwei Monate geheiratet hat. Wir sind 22. Und irgendwie hängen meine Emotionen zwischen Überraschung, Fassungslosigkeit und Freude fest.
Überraschung, weil ich nichts davon wusste. Freude, weil ich hoffe, dass sie verdammt glücklich ist und sein wird und Fassungslosigkeit zum Einen, weil wir noch so jung sind und doch nur alte Leute verheiratet sind! Zum Anderen, weil ich mich frage, ob das wirklich schlau war, weil ich mich nun alt fühle und vor allem, weil ich das Gefühl habe, irgendwo in meinem pubertären Trotz hängen geblieben zu sein. Kann ich mit meinen 22 Jahren noch eine Meinung vertreten, die ich mir mit vierzehn gebildet habe? Irgendwann heiraten ja alle und ich will ja auch nicht die sein, die bei Hochzeiten bräsig in der Ecke sitzt und nach einer Menge Schnäpsen mit dem Trauzeugen rumknutscht. Obwohl knutschen immer okay ist.

Meine beste Freundin kann sich für andere freuen und nahm dieses Jahr erfolgreich an drei Hochzeiten teil (3!!!). Sie sagt, dass manche eben für das Lebenskonzept „Liebe- Hochzeit- Kinder“ entscheiden und das doch auch völlig okay ist, wenn sie glücklich sind. Sie kommt dabei gar nicht in Stress, so wie ich. Unsere Lebenskonzepte sind eben anders. Wir sind anders sozialisiert und das ist okay.
Ich glaube dabei ist es wie mit Vegetarismus, Bio- Militantismus und anderen Einstellungen. Man sollte nicht missionieren, sondern das für sich entscheiden und mit sich ausmachen.
Ich freue mich nun also, weil meine Freundin glücklich ist. Unendlich alt und alleine fühle ich mich dennoch. Aber das muss ich mit mir ausmachen, dafür kann sie ja auch nichts.

%d Bloggern gefällt das: